29.04.2019,

Tequila And The Sunrise Gang – Klassenfahrt voller Arbeit

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Backstage-Berichte

Zu acht in den Clubs des Landes unterwegs zu sein, birgt seine Herausforderungen und kann auch schon mal eng werden auf den Bühnen und Backstages – sofern es welche gibt. Die größte Herausforderung des Tages aber meistern Tequila And The Sunrise Gang gleich zu Beginn, noch vor dem eigentlichen Get In um 17 Uhr: An einem Samstag im Kölner Ring einen Parkplatz für einen Transporter + voll gepackten Hänger finden.

Klare Aufgabenverteilung beim Ausladen in den Keller

Beim Ausladen gilt dann: „Hauptsache erstmal Masse, alles raus.“, erzählt Gitarrist und Sänger René. In dem vermeintlichen Chaos hat allerdings jeder seine Aufgabe: „Klar kümmert sich jeder erstmal um sein Instrument beim Ausladen.“ Bei den drei Bläsern Mathis, Johannes und Felix geht das relativ schnell, darum unterstützt Felix den Aufbau von Schlagzeug oder Keyboard: „Je nachdem, wo man gerade noch eine Hand braucht.“ Mathis und Johannes kümmern sich derweil um den Aufbau des Merch-Stands. Neben Trompete und Merch-Verkauf ist Johannes auch der Technik-Ansprechpartner für die örtlichen Veranstalter und geht mit dem Mischer den Stage-Rider durch. René geht das Ganze gelassen an: „Ich lungere meistens irgendwo rum und warte“, gibt er lachend zu.

Es herrscht ein gemütliches Treiben am dritten und letzten Tourtag im MTC. Der im Keller gelegene Club ist niedrig und nur spärlich von der Theke und der Bühne beleuchtet, der Merch-Stand verschwindet in einer dunklen Ecke im hintersten Teil. Im Halbdunkel dazwischen sitzen die Kieler in wechselnden Konstellationen zusammen, unterhalten sich, stoßen an – noch eine zahme Mischung aus Klassenfahrt-Feeling und Arbeit. Die örtliche Veranstalterin sorgt derweil dafür, dass es der Band an nichts fehlt, Essen wird bestellt und das Bier und ihr „Künstlertee“ stehen schon kalt. Der Backstage-Raum im Keller unter dem Keller dient bis dahin nur als Station für die Koffer.

Binnen einer Stunde ist auf der kleinen Club-Bühne das Equipment von acht Musikern verstaut und aufgebaut, der Soundcheck kann beginnen. Es ist eng, aber das sind die Kieler gewohnt. Statt bei einem Soundcheck zu sein, überkommt mich das Gefühl, Freunden beim Jammen zuhören zu dürfen, unterbrochen von bescheidenen Hinweisen und Bitten an den Tontechniker. „René, was soll ich spielen? Game Of Thrones? Das magst Du doch so gerne.“, fragt Felix bevor er die Posaune ansetzt und sein Spiel das leere MTC ein Stück düsterer und bedrückender wirken lässt. Es folgen Sauflieder, Hymnen der favorisierten Fußballvereine und von René eine Ein-Mann-Version von „Can You Feel The Love Tonight“, dem neuen Rausschmeißer am Ende jeder Show. Mit einem gemeinsamen Song endet der Soundcheck.

Erst nach dem Soundcheck zerstreut sich die Band. Malte klettert mit mir durch einen kleinen Durchgang hinter die Bühne und eine steile Eisentreppe eine weitere Etage tiefer in den Keller-Keller a.k.a. Backstage-Raum. „Uns wurde gesagt, in Köln sei das wohl üblich, dass man unter dem Keller noch einen Keller hat.“, erklärt er mir, während sich der kleine, komplett mit Stickern vollgeklebte Backstage unter uns auftut. Der typisch muffige Kellergeruch ist dort kaum zu ignorieren. In den Ecken türmen sich Koffer, Instrumente und Klamotten, gegenüber warten erste Snacks und Getränke auf die Kieler.

„Gestern hatten wir keinen Backstage“

Auch diese Räumlichkeit platzt in meiner Vorstellung mit acht Leuten plus der vierköpfigen Vorband Shoreline aus allen Nähten. Die Musiker hingegen sind an diesem Tag dankbar, überhaupt einen solchen Ort zu haben. Am Vortag gab es gar keinen Backstage-Bereich. Im Schichtsystem und bei strömendem Regen wurde sich im Transporter abwechselnd an-, um-, und ausgezogen. René gibt zu: „Gestern hatten wir keinen, das ist dann ein bisschen doof, wenn man sich dann für die Show vorbereiten, sich ein bisschen einsingen will und man keinen Rückzugsort hat. Es geht dabei auch gar nicht darum, sich von den Gästen zurückzuziehen, sondern einfach zu sagen: Ich muss mich noch ein bisschen einsingen, ein bisschen Gitarre spielen, ein bisschen Posaune spielen. Das ist dann schon doof, wenn man das nicht machen kann.“

Ist dieser kleine Keller-Keller im Kölner Ring, der mit seinen einnehmenden Sofas und den hunderten Stickern urig, aber gemütlich daherkommt, also so etwas wie Luxus für die Band? Malte ist da eindeutig: „Klar ist das Luxus. Wir kriegen etwas zu essen, wir haben einen Backstage-Raum, wir haben gute Technik, wir wurden hier freundlich empfangen und es kommen Leute her, die unser Konzert sehen wollen. Natürlich ist das Luxus. Und das in Köln! Das ist immerhin hunderte Kilometer von Zuhause entfernt – das ist super.“

Neben dem eigentlichen Backstage-Raum werden auch die weiteren Gänge unter dem MTC oder an der frischen Luft am Eingangsbereich als Aufenthaltsort bis zum Auftritt genutzt. Wirklich wichtig scheint die Beschaffenheit der Backstage-Räume niemandem zu sein; Hauptsache es gibt einen. Auch wenn René betont, dass er nur für sich spricht: „Für mich sind eher die Leute drumherum wichtig.“ Trotzdem kann man ihnen auch mit anderen Dingen eine Freude machen. „Klar, wir freuen uns über ein leckeres Brötchen, wenn wir ankommen und wir freuen uns über ein hervorragendes Abendessen, wie wir es jetzt gekriegt haben, gar keine Frage. Wir sind jetzt gerade auf den Sekt-Geschmack gekommen, aber da brechen wir uns keinen Zacken aus der Krone, wenn wir uns auf dem Weg eine Flasche Sekt kaufen. Also es ist nicht so, dass wir einen Catering-Rider abliefern, wo es heißt, wir brauchen das, das und das. Wir möchten gern etwas zu essen haben, ein bisschen Obst, ein bisschen Wasser und ein bisschen Bier und dann ist alles super.“

„Da ist die Berührungshemmschwelle schon sehr gering…“

Kurz nachdem das MTC seine Türen geöffnet hat, wird es langsam voll im Backstage-Keller. Eine gewohnte Situation für die Kieler, deren Berührungshemmschwelle untereinander mittlerweile stark gesunken ist. „Dass wir alle vor dem Auftritt nackt durch diesen Raum tanzen, das ist halt so. Das kennt auch jeder. Anders würde es auch nicht funktionieren“, stellt René fest. Außerhalb der Tour treffen sie sich zwei Mal die Woche zum Proben und verbringen dann viele Wochenenden gemeinsam auf Tour in einem engen Auto und teilen sich Schlafunterkünfte. Auch ein Problem zu Acht: „Es kommt schon Mal vor, dass es ein oder zwei Betten zu wenig in der Unterkunft sind und dann müssen wir halt kuscheln“, berichtet Malte mit einem Achselzucken.

Umso näher der Auftritt rückt, umso mehr macht sich die anfänglich zarte Klassenfahrt-Stimmung breit. Die Technik steht, alles ist – mehr oder weniger – an seinem Platz, nur selten sucht noch jemand sein Instrument. Der erste Künstlertee wird verteilt, während der Großteil sich eine Aufgabe für Felix ausdenkt, der im Gegenzug den anderen im ganzen Tagesverlauf schon Befehle geben durfte.

In diesem Moment ist der Backstage auch nicht mehr als ein Partykeller, an dem sich diese Truppe zum Trinken und Spaß haben trifft. Wo man Freunde verarscht, mit zu vielen Menschen auf zu wenig Sitzgelegenheiten sitzt und sich fragt, wo der ganze Alkohol schon wieder hin ist. René genießt genau das: „Ich glaube, man könnte es anders machen, vernünftiger rangehen und sagen: Wir müssen sehen, dass wir unseren Schlaf kriegen und trinken dann mal ein Bier weniger. Aber ich glaube, dafür ist das auch viel zu viel Spaß für uns. Ich nutze die Zeit dann auch einfach irgendwie, um mit meinen Freunden eine gute Zeit zu haben und dann trinkt man halt noch ein Bier und noch einen Sekt.“

Berliner Luft statt feste Rituale

Festen Ritualen folgen die Kieler direkt vor dem Auftritt kaum. Vereinzelt ziehen sich die Musiker zurück, um sich warmzusingen oder einzuspielen. Vor allem Johannes zieht sich früh zurück in den Gang vor dem Backstage-Raum. „Er muss sich auf jeden Fall zwanzig Minuten vorher einspielen, ansonsten passiert gar nix.“, erklärt Felix, während wir im Interview die Vorbereitungen der einzelnen Mitglieder durchgehen. Malte ist der einzige, der vor dem Auftritt etwas hibbelig wird. „Ich weiß nicht, ob das bei mir Kontrollzwang ist, aber alles muss irgendwie organisiert sein, alles muss dann da sein. Es geht eher darum, den Rundumblick nochmal zu haben, ob alles wirklich fertig ist, ob alles weggeräumt ist und nichts doof rumliegt.“

Nachdem Shoreline ihren Auftritt beendet haben, finden sich alle im Backstage-Keller zum derzeit einzigen gemeinsamen Ritual zusammen: Zusammen einen Kurzen Berliner Luft trinken. „Damit der Künstlertee nochmal so richtig aufgeht“, lacht René. Dazu wird gesungen, ein bisschen geschunkelt und sich ein letztes Mal fokussiert, ehe Tequila And The Sunrise Gang die Bühne betreten und von einem begeisterten Publikum empfangen werden.

Nach der Show ist für die Kieler jedoch noch nicht Feierabend. „Wir versuchen dann relativ schnell – ich sag’s jetzt mal so – in Kontakt mit den Menschen zu kommen, die dann unsere Show besucht haben, d.h. wir gehen dann auch schnell zum Merchandise-Stand. Lungern da ein bisschen rum, quatschen ein bisschen, trinken noch ein Bier mit dem ein oder anderen. Mittlerweile kommt man ja regelmäßig in gewisse Städte, sodass man Leute kennt, die man regelmäßig wiedersieht. Das ist so das Hauptritual, denke ich.“

Mathis und Johannes sind die ersten, die sich durch die Menge zum Merchandise-Stand schlängeln, um den ersten Besuchern CDs und T-Shirts verkaufen zu können. Derweil verschnauft ein Teil kurz im Backstage-Bereich oder vor dem Club, andere wiederum sind direkt in Gespräche vertieft. Mit der Zeit vermischen sie sich mehr und mehr mit den Gästen. Die Folgeveranstaltung, eine Rammstein-Party, beginnt bereits, während die Zuschauer immer noch Kontakt zu den Kielern suchen. Dem Zeitplan, nach dem sie eigentlich direkt nach der Show hätten abbauen müssen, hinken sie schon lange hinterher.

Am Ende wird es dann so gelaufen sein, wie es immer beim Einpacken läuft. Malte im Hänger, der Rest trägt das Equipment. Allerdings wird der Ablauf je nach Perspektive etwas anders wahrgenommen. René erklärt es recht nüchtern: „Malte ist derjenige, der im Hänger steht und alles sortiert und stapelt. Wir anderen sind seine Lakaien, die einfach nur hintragen. Dann steht meistens einer vor dem Hänger und Malte ruft raus, was er als nächstes haben will.“

Aus Maltes Perspektive sieht es etwas anders aus. „Derjenige, der vor mir steht, hat meistens ein Handy in der einen und ein Bier in der anderen Hand und ist ganz desinteressiert, was ich haben will. Dann werde ich motzig und dann schreie ich rum, was ich als nächstes haben will“, erzählt er lachend und Felix stimmt ihm grinsend zu: „Ziemlich genauso funktioniert es eigentlich.“

Das vollständige Interview in seiner ganzen Pracht gibt es hier.