27.04.2019,

Tequila And The Sunrise Gang im Backstage-Interview

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Interviews

Gestern hattet ihr gar keinen Backstage-Raum. Ist das für euch heute also Luxus hier im MTC?

Malte: Klar ist das Luxus. Wir kriegen etwas zu essen, wir haben einen Backstage-Raum, wir haben gute Technik, wir wurden hier freundlich empfangen und es kommen Leute her, die unser Konzert sehen wollen. Natürlich ist das Luxus. Und das in Köln! Das ist immerhin hunderte Kilometer von Zuhause entfernt – das ist super.

Ihr arbeitet euch Stück für Stück nach Süden vor.

Malte: Hier in Köln/Düsseldorf ist es in den letzten zwei Jahren immer erfolgreicher und größer geworden. Angefangen im Sonic Ballroom, was auch total stark war.

Felix: Das war super cool, aber es waren vielleicht 80 Leute da.

Malte: Aber es war voll da! Ich weiß gar nicht, ob da so viele reindurften. Das war da, wo Mathis durch die Menge getragen wurde. Das war schon richtig so eine Punkrock-Show, war richtig gute Stimmung. Sowieso Köln/Düsseldorf war bis jetzt sehr ausgelassene Stimmung und das ist echt klasse. Gerade in so einem Club wie heute zu spielen, der so alt eingesessen ist, wo so viele Bands schon gespielt haben – das ist schon cool.

[René und Jasper stoßen dazu.]

Was packt ihr als erstes aus, wenn ihr ankommt?

Malte: Das, was im Hänger vorne liegt.

René: Und das ist…?

Felix: Die Merch-Kiste!

René: Ja, die Merchandise-Kiste mit CDs und sowas drin. Und die Bass Drum, die liegen ganz vorne im Hänger.

Malte: Na, und die gute Laune wird natürlich auch ausgepackt! [lacht]

Und was liegt hinten im Hänger, ist also das erste, was eingepackt wird?

Alle zusammen im Chor: Bass-Box, Bass-Box!

René: Die große, schwere, riesen-, riesengroße Kühlschrank-Bass-Box, um das Gewicht auf dem Hänger zu verteilen.

Malte: Ich kann auch aufzählen, in welcher Reihenfolge der Rest reinkommt.

René: Es gibt eine feste Pack-Reihenfolge. Malte ist derjenige, der im Hänger steht und alles sortiert und stapelt. Wir anderen sind seine Lakaien, die einfach nur hintragen. Dann steht meistens einer vor dem Hänger und Malte ruft raus, was er als nächstes haben will.

Malte: Und derjenige, der vor mir steht, hat meistens ein Handy in der einen und ein Bier in der anderen Hand und ist ganz desinteressiert, was ich haben will. Dann werde ich motzig und dann schreie ich rum, was ich als nächstes haben will.

Felix: Ziemlich genauso funktioniert es eigentlich. [lacht]

Malte: Und ganz zum Schluss kommt dann Johannes mit dem Zurrgurt.

René: Unser Schnur-Minister.

Malte: Wir tun dann so als ob wir es nicht können, damit Johannes das machen muss. Weil wir alle keinen Bock drauf haben, das festzuzurren. Dann tun wir eben alle so als ob wir das nicht verzurren können – sehr erfolgreich übrigens!

René: Johannes weiß das dann schon und steht mit dem fertigen Gurt in der Hand und wartet darauf, dass er endlich alles festmachen darf. Was auch nur pro forma ist.

Bei acht Leuten ist es also gut durchkoordiniert?

René: Ja, wir haben schon eine relativ feste Aufgabenverteilung. Klar kümmert sich jeder erstmal um sein Instrument beim Ausladen. Hauptsache erstmal Masse, alles raus. Aber zum Beispiel Johannes und Mathis, die machen nach der Show auch immer Merchandise-Verkauf, da macht es halt Sinn, dass sie sich das auch aufbauen. Weil wenn jemand anderes das aufbaut und man selbst verkauft, dann weiß man nicht, wo was ist. Da gibt es schon relativ klare Aufgaben, ja. Wobei man auch sagen muss, dass Johannes relativ viel übernimmt. Er ist auch so der Technik-Ansprechpartner, der sich dann erstmal mit dem Mischer in Verbindung setzt und den Stage-Rider durchgeht. Das macht er alles bei uns.

Malte: Ich bin dann meist schon ganz lange gefahren und habe dann meistens auch überhaupt keinen Bock  sofort das Nächste zu machen. Ich versuche dann erstmal 10 Minuten Ruhe zu kriegen.

René: Und ich lungere meistens irgendwo rum und warte. [alle lachen]

Felix: Ich habe immer am wenigsten aufzubauen, deshalb baue ich meistens das Schlagzeug mit auf oder das Keyboard oder solche Sachen. Je nachdem, wo man gerade noch eine Hand braucht.

Gibt es Faktoren, die euch dabei beim Equipment besonders wichtig sind?

Malte: Also die Ständer zum Beispiel müssen eine gute Qualität haben. Wir empfehlen König & Meyer! [lacht]

René: Wir achten auf Qualität natürlich schon, aber das ist auch immer eine Kostenfrage. Klar hätte man gerne eine megageile Gitarre oder einen megageilen Verstärker oder sonst was, aber man muss es sich auch leisten können. Ich glaube, wir haben es jetzt in der Zeit, in der wir unterwegs sind, geschafft, dass wir uns auf ein gutes Niveau hochgearbeitet haben. Wir haben vernünftiges Equipment, sind mit unserem Sound soweit zufrieden. Ich würde Sound noch vor Qualität stellen. Ein gutes Zerrpedal für eine Gitarre muss nicht unbedingt tausende von Euros kosten.

Gestern auf der Bühne hatte ich einen Komplettausfall, da ist der Zerrer komplett abgeraucht – woran es auch immer gelegen hat – heute funktioniert er wieder. Das ist halt blöd, daher versuchen wir schon vernünftiges Equipment zu kaufen, das dann auch funktioniert, wenn es gebraucht wird.

Auf der Bühne wird es mit acht Leuten schon ein bisschen eng. Ist es Backstage auch oft so?

René: Wenn man einen Backstage hat, ja, auch da wird es manchmal eng. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt – also wir treffen uns zwei Mal die Woche zum Proben, plus dass wir viele Wochenenden miteinander verbringen – und uns auch immer Schlafunterkünfte teilen und so, da ist die Berührungshemmschwelle schon sehr gering. Anders würde es auch nicht funktionieren. Dass wir alle vor dem Auftritt nackt durch diesen Raum tanzen, das ist halt so. Das kennt auch jeder. Aber ja, das ist natürlich ein großer Nachteil, wenn man zu acht reist. Sei es Bühnen, sei es Backstage, sei es Übernachtungsmöglichkeiten, wo viele sagen: „Ey, acht Leute, das wird für mich richtig teuer euch irgendwo einzubuchen.“ Aber bisher hat es eigentlich immer irgendwie geklappt.

Malte: Es kommt schon Mal vor, dass es ein oder zwei Betten zu wenig in der Unterkunft sind und dann müssen wir halt kuscheln.

Womit kann man euch denn im Backstage eine Freude machen?

René: Wenn ich jetzt für mich spreche, dann ist der Backstage-Raum nicht so wichtig, für mich sind eher die Leute drumherum wichtig. Also ein Backstage-Raum ist immer cool. Gestern hatten wir keinen, das ist dann ein bisschen doof, wenn man sich dann für die Show vorbereiten, sich ein bisschen einsingen will und man keinen Rückzugsort hat. Es geht dabei auch gar nicht darum, sich von den Gästen zurückzuziehen, sondern einfach zu sagen: Ich muss mich noch ein bisschen einsingen, ein bisschen Gitarre spielen, ein bisschen Posaune spielen. Das ist dann schon doof, wenn man das nicht machen kann. Dafür sind mir persönlich die Räumlichkeiten egal. Mir ist es wichtiger, dass man sich mit den Leuten, die dann hier in der Location sind, gut versteht. Dass es ein nettes Zusammensein und Miteinander ist. Klar, wir freuen uns über ein leckeres Brötchen, wenn wir ankommen und wir freuen uns über ein hervorragendes Abendessen, wie wir es jetzt gekriegt haben, gar keine Frage. Wir sind jetzt gerade auf den Sekt-Geschmack gekommen, aber da brechen wir uns keinen Zacken aus der Krone, wenn wir uns auf dem Weg eine Flasche Sekt kaufen.

Also es ist nicht so, dass wir einen Catering-Rider abliefern, wo es heißt, wir brauchen das, das und das. Wir möchten gern etwas zu essen haben, ein bisschen Obst, ein bisschen Wasser und ein bisschen Bier und dann ist alles super.

Habt ihr Rituale vor der Show? Sowohl einzelne als auch gemeinsame?

René: Also ich persönlich singe mich ein, versuche mich ein bisschen locker zu machen, mich aufzuwärmen.

Malte: Ich habe so ein Stress-Ritual.

Felix: Genau, Malte wird immer ein bisschen wuschig vor dem Auftritt.

René: Sagen wir mal…?

Felix: Hibbelig.

René: Ja, hibbelig ist ein schönes Wort.

Felix: Johannes muss sich auf jeden Fall zwanzig Minuten vorher einspielen, ansonsten passiert gar nix. Und unser gemeinsames Ritual ist, dass wir zusammen einen Kurzen Berliner Luft trinken, bevor wir auf die Bühne gehen.

René: Damit der Künstlertee nochmal so richtig aufgeht.

Malte: Danach heißt es: Alle an die Sektbar, denn es ist noch Sekt da!

Heißt das, dass es vereinzelt noch Lampenfieber gibt?

Malte: Ich weiß nicht, ob das bei mir Kontrollzwang ist, aber alles muss irgendwie organisiert sein, alles muss dann da sein. Es geht eher darum, den Rundumblick nochmal zu haben, ob alles wirklich fertig ist, ob alles weggeräumt ist und nichts doof rumliegt. Dass dann nicht noch Jacken oder Rucksäcke von uns im Weg liegen, wenn die Leute reinkommen.

Und Rituale nach der Show?

René: Nö. Wir versuchen dann relativ schnell – ich sag’s jetzt mal so – in Kontakt mit den Menschen zu kommen, die dann unsere Show besucht haben, d.h. wir gehen dann auch schnell zum Merchandise-Stand. Lungern da ein bisschen rum, quatschen ein bisschen, trinken noch ein Bier mit dem ein oder anderen. Mittlerweile kommt man ja regelmäßig in gewisse Städte, sodass man Leute kennt, die man regelmäßig wieder sieht. Das ist so das Hauptritual, denke ich.

Man ist dann auch gut fertig, also ich zumindest. Als alter Mann fühle ich mich dann schon gut fertig. Meistens gehe ich dann ein bisschen schnacken und dann freue ich mich, wenn ich zwei Minuten sitzen kann. Mal kurz durchschnaufen, trockenes T-Shirt anziehen.

Aber ein richtiges Ritual, dass man dann noch zusammenfindet, das ist dann eher im Auto. Dass wir dann dasitzen und losfahren zur Unterkunft oder so, dass wir nochmal den Auftritt Revue passieren lassen und sagen: „Das war nicht so gut, das war gut.“

Ihr habt zum Teil noch andere, geregelte Jobs. Ist das Touren für euch wie Klassenfahrt oder gehört es einfach zu eurem normalen Arbeitsalltag dazu und wie bindet ihr das Touren ein?

Marvin: Wir haben bei uns auf der Arbeit einen Online-Planer, wo rechtzeitig Termine eingetragen werden und dann kann man das mit den Kollegen abstimmen und abklären.

Jasper: Viele von uns sind in Voll- oder Teilzeit tätig. René, Du hast einen festen Job mit festen Terminen im Büro, Marv auch, Malte genauso und Fobbe arbeitet auch fest. Der Rest ist studentisch unterwegs. Im Großen und Ganzen ist es natürlich schon so, dass Kollegen auf der Arbeit sagen: „Ja, jetzt geht’s wieder auf Tour, viel Gesaufe und olé olé“ und so. Natürlich, viel davon ist geile Stimmung, Urlaub, Klassenfahrt-Feeling und Dummheiten, aber natürlich auch sehr anstrengend. Also es zehrt schon an den Kräften. Wenn man nach einer Woche touren wieder in den Arbeitsalltag geht, dann denkt man sich: Die ganzen Urlaubssprüche könnt ihr euch mal alle klemmen. Das war wirklich hartes Gebuckel. Das ist auf eine andere Art und Weise, es macht auch auf eine andere Art und Weise Spaß als der Job, den man im Büro hat, aber im Großen und Ganzen darf man nicht unterschätzen, was für ein logistischer Aufwand dahintersteckt.
Gerade Malte kann hier an der Stelle auch noch mal Props kriegen, der die Kutsche halt die ganze Zeit durch die Republik fährt und zuhause dann Frau und Kind hat und einen Full-Time-Job. Das haut schon auf die Energie, aber es ist halt geil – und dafür jeden Abend bezahlt zu werden.

René: Ich glaube, man könnte es anders machen. Also man könnte auch so eine Tour durchziehen – jetzt sind es nur drei Tage, das ist sowieso etwas anderes, aber bei zehn Tagen – und vernünftiger rangehen und sagen: Wir müssen sehen, dass wir unseren Schlaf kriegen und wir trinken dann mal ein Bier weniger, macht hier das und bla. Aber ich glaube, dafür ist das auch viel zu viel Spaß für uns. Wenn man wirklich eine Band ist, die das ausschließlich macht und in 365 Tagen 200 Shows spielt, dann geht es nicht anders. Es funktioniert nicht anders. Da musst Du dich vernünftig ernähren, da kannst Du nicht jeden Abend trinken und rauchen wie ein Schornstein. Da ist bei mir persönlich der Unterschied, dass ich das noch nicht so ganz abgestellt bekomme. Ich nutze die Zeit dann auch einfach irgendwie, um mit meinen Freunden eine gute Zeit zu haben und dann trinkt man halt noch ein Bier. Ich glaube, wenn wir das anders angehen würden, würde es auch etwas entspannter, aber so ist es eigentlich eine ganz gute Mischung aus gut zu tun – man sitzt ja nicht den ganzen Tag rum und wartet, dass was passiert, sondern man hat einen relativ straffen Zeitplan: Man steht auf, fährt los, dann hat man eine Distanz zu überwinden. Allein hier schon irgendwie zu gucken, wo stellen wir überhaupt das Auto hin. Das ist hier mitten in Köln. In der Straße kann man nicht einmal zweite Reihe halten, weil da die Straßenbahn fährt. Dieser ganze logistische Stress, der da auf dich zukommt. Da wird ab dem dritten Tag die Haut schon langsam dünner.

Wir könnten es also machen, aber wir sind keine Kinder von Traurigkeit. Dann ist die Luft schon relativ gut raus, wenn wir dann morgen Abend wieder zurück in Kiel sind.

Jasper: Das muss weh tun.

René: Ja, das gehört schon irgendwie ein bisschen dazu.