21.04.2019,

Rogers – Von Duschen und geschreddertem Snickers

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Backstage-Berichte

Es ist 13:30 Uhr. Laut Tourplan bedeutet das: Soundcheck.
Während die Crew im Club-Teil des FZW von der dortigen Rampenkonstruktion schwärmt, die ihnen einen Aufbau in Rekordzeit ermöglicht hat, sieht man bisher nur Nico und Arthur durch den noch ruhigen Backstage-Bereich schlendern auf der Suche nach Tee.

Chri, so erzählt er später, wird generell erst 10 Minuten vor Soundcheck-Beginn überhaupt erst geweckt. Dementsprechend müde schlurft er etwas später durch die Dortmunder Location und begrüßt jedes Mitglied der Crew herzlich. Da macht sich auch direkt ein großer Vorteil des Clubs bemerkbar: Es gibt drei Badezimmer mit Toilette und Dusche – bei einer Crewgröße von 30 Leuten ein Luxus, der besonders für Nico große Wohlfühlqualität bedeutet: „Es wird megageil, sobald es mehr als eine Dusche gibt.“ Denn für ihn ist eine heiße Dusche nach der Show unerlässlich. Chri fügt hinzu: „Und wenn in der Dusche das Wasser abläuft! Das ist schon mal richtig geil! Wenn das Wasser nicht stehen bleibt, dann ist es ein guter Tag.“ Zum Glück ist heute so ein guter Tag.
An schlechten Tagen kam es vor, dass nach der Toilettenspülung die dort erledigten Geschäfte ihren Weg durch die Dusche zurück ans Tageslicht fanden oder Duschen waren garniert von der Kotze des Vortags. Von solchen Widrigkeiten ist im FZW nichts zu sehen, alles scheint sauber und zu funktionieren.

„Es gibt nichts, was mehr stinkt als dieser Gitarrengurt“

Einzig das Catering macht Tourmanager Matthias zu Beginn Sorgen. Statt Verpflegung für 30 Personen schafften es nur 30 Sandwiches auf den Tisch, die erst im Laufe des Nachmittags aufgestockt werden. An den beiden Tagen zuvor bot sich dem Quartett ein ganz anderes Bild. In Hamburg erwartete sie eine Rogers-Torte, in Hannover Schoko-Häschen mit ihrem Logo drauf. „Es ist völlig verrückt“, sagt Nico. Solche Geschenke kämen schon mal vor, aber so oft wie in den letzten Tagen sei es noch nie vorgekommen. „Das ist echt süß“, schwärmt Chri, als er von der großen Wertschätzung spricht. Dabei sind die Rogers eigentlich absolut pflegeleicht. Artur wäre mit gekochten Eiern glücklich, die zwar auf dem Catering-Rider stehen, es allerdings auf dieser Tour noch nicht auf den Teller geschafft haben. Chri ist glücklich, wenn einfach irgendetwas da ist. „Auf Tour ist der Kühlschrank eh generell gefüllter als bei mir zuhause. Das stimmt mich schon deswegen glücklich.“

Während Chri sich die Zähne putzt, füllt sich so langsam der gemeinschaftliche Teil des Backstage-Bereichs mit Band- und Crewmitgliedern. Morgendliche Ruhe liegt weiterhin über den Räumlichkeiten, der Kaffeeduft macht sich breit. Der Tag für die Rogers beginnt langsam.
Eine Stunde später als geplant machen die Düsseldorfer sich auf zum Soundcheck und müssen dort feststellen, dass ihre Gitarrengurte zwar zum Trocknen aufgehängt wurden, aber alles andere als trocken sind – und ja, wir reden hier von schweißnass. „Es gibt nichts, was mehr stinkt als dieser Gitarrengurt“, stellt Nico fest. Chri ist anderer Meinung: „Doch. Meiner!“ Mit einem Handtuch, gewickelt um Gurt und Schulter, versucht Nico den alten Schweiß vom Vortag in Schach zu halten.
Beim Soundcheck wird dann deutlich, dass die gestrige Nacht doch etwas zu kurz war und die After-Show-Party zu lang. Chri gibt zu: „Das war nicht der ganz klügste Move.“ Die wichtigste Ansage vom Tontechniker ist daher heute: „Ihr müsst nicht singen, schont lieber eure Stimme!“ Dem steht aber der Ehrgeiz der Musiker im Weg, sie wollen sich lieber den ganzen „Rotz“ von der Stimme singen. „Ich krieg das schon hin!“ Chri soll damit am Ende recht behalten, mit Hinblick auf die bevorstehende Tour verzichtet Nico aber am Abend schweren Herzens ganz auf das Singen.

Was tun mit der Zwangsfreizeit?

Nach dem Soundcheck heißt es für alle: Pause. Oder besser: Zwangsfreizeit. „Was aber auch ganz cool ist, so für 2-3 Stunden“, meint Chri. In dieser Zeit passiert kaum etwas. Die Vorbands bereiten sich mit Soundcheck ihrerseits langsam auf die Show vor, der Rest verteilt sich weitläufig. Dreh- und Angelpunkt ist bei sonnigen 15°C dennoch der Bereich um den Nightliner, den in großen Lettern der Rogers-Schriftzug und der Tourtitel ziert. Manche ziehen sich direkt darin zurück, andere in die jeweils für die Rogers bzw. die Vorbands vorgesehenen Räume. Wieder andere suchen die Gesellschaft, sitzen oder stehen in kleinen Grüppchen in der Sonne, immer mehr Freunde und Freundinnen aus der Gegend kommen hinzu und so vermischt sich die 30-köpfige Reisegruppe. Kleine Termine wie ein Fotoshootings für eine Anti-Nazi-Kampagne und Sponsoren treibt die Düsseldorfer Band immer wieder zusammen. Trotz der lockeren Stimmung scheint den meisten der gestrige Abend ordentlich in den Knochen zu stecken. Mit Tee und Orangen wird den Tag über hinweg angekämpft.

Die Düsseldorfer können aber auch anders: Der Backstage im Backstage von München ist unter den Vieren schon berühmt-berüchtigt. Nicht nur, dass die Dusche dort nie abfließt, die örtlichen Backstage-Container kurbeln auch die Kreativität an. Um den Geruch von Erbrochenem etwas zu überdecken, steckte Artur kurzerhand ein Snickers in den Ventilator. Chri kann sich vor Lachen kaum halten als er erzählt: „Wir kommen nachts irgendwann da rein, irgendwo flattert Schokolade und Nüsse und dieses Papier hängt in diesem Ventilator. Alles stinkt nach Schokolade, Kotze und nach geschreddertem Snickers. Das war richtig gut. Backstage-Backstage-Raum: Immer gut!“

Ein letztes Mal Angst-Pipi machen

Kurz vor Einlass und dem konzentrierten Warmmachen, nehmen sich Chri und Arthur viel Zeit für zwei Fans, die ein Meet-and-Greet gewonnen haben. Nach kurzzeitigem Herantasten ist das Eis schnell gebrochen und so verquatschen die vier sich draußen auf den Bierbänken in der Sonne so lang, dass sogar der Tourmanager es aufgibt, die beiden auf die voranschreitende Zeit aufmerksam zu machen.

Als sie zurück zum bandeigenen Backstage-Raum aufbrechen, spielt Dominik sich schon längst an seinem Übungspad warm, seine feste Routine. „Eigentlich gab es früher auch immer ein, zwei Warm-Up-Beers. Die lasse ich diese Tour erstmal weg“, lacht er. Die drei an den Saiteninstrumenten spielen sich ebenfalls langsam ein und wärmen die Stimme auf so gut es geht. Kurz vor der Show gehen alle noch einmal „Angst-Pipi“. Nico stöhnt: „Das habe ich gestern vergessen. Das war anstrengend auf der Bühne.“ Die Gitarrengurte hatten derweil Zeit, in der Sonne zu trocknen, nur um gleich erneut klitschnass zu werden.

Kurz bevor es dann auf die Bühne geht, bekommt jeder noch ein Küsschen von Chri. „Das ist mir immer ganz wichtig.“

Und so beginnt eine Show mit diesem einzigartigen Rogers-Feeling, was nicht zuletzt an dem unvergleichlichen Support der Fans liegt. Mit Streatteam und Fanclub, Fahnenmeer, Konfettikanonen und Bengalos stellen diese Fans regelmäßig Konzerte der ganz Großen in den Schatten. Chri ist dafür wahnsinnig dankbar und versucht dieses Phänomen zu erklären: „Also wirklich. Dieses Streatteam und der Fanclub und überhaupt diese ganze Gemeinde. Ich bin da – das muss ich auch wirklich mal sagen – superfroh drum, dass wir so einen Schlag an Fans abbekommen haben, die da vor der Bühne stehen. […] Es ist halt eine riesige Familie und Freundezusammenkunft. So kommt es mir zumindest vor. Dass die dann zusätzlich auch noch den Bock haben, das so zu supporten und uns wiederum so auf der Bühne anzufeuern, was dann wieder zurückkommt, das sorgt dann einfach für diesen Hexenkessel. Das ist wirklich etwas Einzigartiges. Vielleicht ist es auch einfach das, was eine Rogers-Show viel ausmacht mittlerweile. Da kann man einfach nur Danke sagen an die Leute, die das machen!“

Das ganze Interview mit noch mehr spannenden und persönlichen Einblick gibt es hier.