26.03.2019,

Oomph! – Mehr vor der Bühne als dahinter

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Backstage-Berichte

Es gibt drei Dinge, die ich über das sagenumwobene „Backstage“ bisher erfahren habe:

  1. Der interessante Teil des Backstage-Bereiches ist oft drunter, drüber oder daneben, aber nur selten tatsächlich hinter der Bühne.
  2. Die Zeit vom Soundcheck der Band bis zum eigentlichen Auftritt kann sich ganz schön ziehen und bedarf mehr oder weniger kreativer Eigenbeschäftigung.
  3. Für Oomph! gilt das alles nicht.

Oomph! verbringen die meiste Zeit vor einem Auftritt entweder auf oder vor der Bühne, der Tagesablauf ist dabei fix durchgeplant. „Dann fangen wir nicht an, aus Langeweile zu essen oder zu saufen“, erzählt Dero mit einem Lachen.

Struktur gegen Langeweile

So ein Tourtag im Leben der Wolfsburger lebt von einem klaren Ablauf: Line- & Soundcheck, Meet-and-Greet, Interviews, Aufwärmen, Show, Reflektion der Show, zweites Meet-and-Greet und weiter geht’s in die nächste Stadt.
Beim Zwischenstopp auf ihrer Ritual-Tour 2019 in Köln läuft es ein wenig anders. Wegen einer Folgeveranstaltung muss der gewohnte Zeitplan um eine Stunde vorverlegt werden. Das bringe den gewohnten Rhythmus schon ordentlich durcheinander, gesteht Flux, der sich nach erfolgreichem Soundcheck einen Kaffee am großzügigen Buffet gönnt.

Zuvor stand er bereits eine knappe Stunde auf der Bühne, um Technik und Instrumente auf Performancetauglichkeit zu prüfen. Nach der Hälfte des Soundchecks stießen die ersten Fans mit Ticket-Upgrade dazu und eine gemütliche und intime Wohnzimmerkonzert-Atmosphäre ersetzte den professionellen Charakter auf und vor der Bühne. Trotz dunkler Sonnenbrille suchte Sänger Dero schon jetzt wieder und wieder den Kontakt mit den Fans, stimmt „Viva Colonia“ an. Auch wenn die abwechslungsreiche Lichtshow und die Szene-Outfits zur erfolgreichen Oomph!-Performance gehören, wissen die Wolfsburger auch fernab dessen die Fans zu unterhalten – und diese genießen diese ganz andere Seite der Band sichtlich.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Während des Soundchecks ist es oben im Backstage-Bereich still. Die Köchin und ihre Helferin bereiten in einer offenen Küche die warmen Speisen zu, während eine große Auswahl Brot, Brötchen, Aufschnitt, Salat und Getränken schon längst auf langen Tischen davor bereitstehen. Bis auf den Hinweis auf einen Veganer und einen Vegetarier, steht auf dem Catering-Rider nichts Aufregendes. Bei der Wahl des Bieres haben sie mittlerweile eine besondere Taktik, verrät Flux: „Früher auf unserem Rider hatten wir für unser Catering eine Biersorte, weil wir davon ausgegangen sind, wir kennen das Bier, dann wissen wir wenigstens, woran wir sind. Heute machen wir das genau anders. Wir fordern den örtlichen Veranstalter heraus und sagen, er möge uns die beste lokale Biersorte zur Verfügung stellen. Da fühlen sich die Veranstalter auch motiviert, ein wirklich gutes Bier aus dem Ort zu zeigen.“
Die verschiedenen Dressing Rooms sind derweil ausgestorben, nur in einem packt die Vorband Nervenbeißer leise ihr Equipment aus. Es wirkt wie die Ruhe vor dem Sturm.

In der kurzen Pause zwischen Soundcheck und Meet-and-Greet füllt sich der Cateringraum schlagartig, ohne dass es dabei viel lauter wird. Flux und Crap suchen den Kontakt mit anderen Crewmitgliedern, während Dero sich kurz in seine Umkleidekabine zurückzieht. Nur knapp 10 Minuten bleibt der Band bis zum nächsten Programmpunkt. Dero steht überpünktlich bereit, während erst Flux und dann Crap kurzzeitig verschollen sind. Obwohl es nur drei Bandmitglieder sind, scheint es wie das Hüten der sprichwörtlichen Flöhe, alle auf einem Punkt zu versammeln. Unpünktlich sind sie deswegen trotzdem bei keinem einzigen Programmpunkt an diesem Tag.

Meet-and-Greet: Win-Win für Band & Fans

Um Punkt 17:10 Uhr schlendern die drei vor die Bühne, um sich erst einmal in der Gruppe der Fragen der Fans zu stellen. Dero spricht direkt einen jungen Mann an: „Dich kenne ich von Facebook! Du hast doch eine Band, oder?!“ Der Fan ist perplex, freut sich aber zugleich wiedererkannt worden zu sein. Auch Flux und Crap sind einige Gesichter bereits von vergangenen Konzerten bekannt. In dem Moment ist das gebrochene Eis zwischen Band und Fans spürbar. Zwar folgen die Fragen noch zaghaft und schüchtern, doch die Drei ermuntern ihre Zuhörer immer wieder zum Reden – und die nehmen diese Aufforderung gern an. Dazu gehören auch Fans aus Belgien, Russland und New York, denen eines der Bandmitglieder auch die wichtigsten Informationen übersetzt.

Auch die Fans vor Ort interessiert, ob und welche Rituale Oomph! vor der Show haben. Vor der Show kämen alle noch einmal in einem Kreis zusammen, antwortet Dero. In unserem Interview fügt er später hinzu: „Es ist wichtig, kurz bevor man auf die Bühne geht, eine Gemeinschaft zu signalisieren und zu symbolisieren und ein Ritual draus zu bilden. Aber jeder hat auch seine ganz speziellen persönlichen Rituale, wie er sich auf das Konzert vorbereitet. Und das hängt auch mit der Rolle zusammen, die er in der Band spielt.“

Flux teilt mit den Fans eine Backstage-Anekdote, die ihn amüsiert hat: „Meistens hängen hinter der Bühne Schilder mit Pfeilen Richtung Dressing Rooms und so etwas. In manchen Backstages steht dazu noch ein Schild ‚Wir sind in Frankfurt‘, damit man es nicht vergisst.“ Was im ersten Moment lustig klingt, scheint bei näherer Betrachtung sinnvoll: Wer zwischen Tourbus und Backstage in einem engen Tourplan pendelt, der verliert leicht die Orientierung.

Nach der gemeinschaftlichen Fragerunde folgt für die Fans die Möglichkeit, mit der Band ein professionelles Bild machen zu lassen, aber auch Selfies zu machen, Geschenke zu überreichen oder Gegenstände signieren zu lassen. Bei Dero, Flux und Crap sitzt jede Pose, sie haben offensichtlich Routine darin, ihre Schokoladenseite zu zeigen, verlieren dabei aber nicht den Einzelnen aus den Augen. Eine junge Frau erzählt den Dreien mit zittriger Stimme, wie ihre Musik ihr geholfen hat. Andere wiederum überreichen selbstbewusst ihre mitgebrachten Geschenke. Die Gründe für die Fans ihre Band treffen zu wollen sind ganz unterschiedlich, erklärt Dero: „Die sagen, für die ist es wie ein Traum, der wahr wird: Sie haben uns vor 15 Jahren das erste Mal live gesehen und jetzt können sie uns auch leibhaftig treffen und uns etwas sagen, was sie schon immer mal sagen wollten oder was unterschreiben lassen. Mal anfassen. Es gibt ja ganz profane Gründe, warum jemand diese Meet-and-Greets bucht. Aber es kommt gut an und es macht auch Spaß.“

Auch für Flux sind die Meet-and-Greets eine Win-Win-Situation: „Für uns auch schön, dass wir uns auch austauschen können. Man bekommt ja auch Feedback von den Fans, wenn das erste Eis gebrochen ist, trauen sich auch die meisten, was zu sagen oder Fragen zu stellen. Es ist für uns auch sehr unterhaltsam!“

Selbst wenn die Stifte streiken, Handys nicht funktionieren – Oomph! bleiben entspannt. Selbst als die vorgesehene Zeit schon überschritten war, war das für sie kein Grund, die verbliebenen Fans schnell durchzuschleusen.

„Wir sind nicht besonders.“

Oomph! haben schon lange eine gewisse Größe erreicht, die sie sich vor allem in der eigenen Szene durchaus hätten zu Kopf steigen lassen können. Davon ist allerdings überhaupt nichts zu spüren – weder Fans noch Crew gegenüber. Der Grund für den respektvollen Umgang auf Augenhöhe miteinander ist so einfach wie bemerkenswert im Musikbusiness: „Wir sind nicht besonders, wir haben nur das Glück, Musik machen zu können und unser Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Aber wir sind letztlich genauso besonders wie ein Müllmann oder wie ein Architekt. Jeder macht hoffentlich das, was ihn ausfüllt und was gemacht werden muss. Ich habe auch meinen totalen Respekt vor Menschen, die unseren Müll wegräumen, oder Klos saubermachen müssen, so profan sich das anhört. Wir sind nicht besonders.“, betont Dero noch einmal. Dabei liege es nahe, sich besonders zu fühlen, wenn ständig Leute um einen herum für dein Wohlergehen sorgen. Er selbst nimmt aber gern auch mal Abstand zum Musikbusiness, schaut sich das Ganze mit etwas Distanz an und denkt sich: „Was für eine Scheiße!“ und muss selbst lachen.

Last but not least: Die Interviews & Vorbereitung auf die Show

Auch nach den Meet-and-Greets bleibt Oomph! keine lange Verschnaufpause. Dafür ist es das erste Mal in den vergangenen Stunden, dass ich die Band länger als 15 Minuten im Backstage-Bereich gesehen habe. Nach unserem Interview, das ihr im Anschluss an den Bericht in voller Länge lesen könnt, folgte ein weiteres mit ihrem Plattenlabel und danach folgen auch bereits die Vorbereitungen auf die Show. Lampenfieber spielt in der Band dabei allerdings keine Rolle mehr. „Auf keinen Fall Lampenfieber im Sinne von Angst. Eher eine Vorfreude, wie vielleicht als Kind vor Weihnachten.“

Wie nicht anders zu erwarten, beginnen Oomph! pünktlich ihre Show. Als die Band ihren ersten Ton spielt, bleibt kein Zweifel mehr an Flux‘ Worten: „Das ist einfach das Highlight für uns am Tag, die zwei Stunden auf der Bühne zu stehen und das machen, was uns Spaß macht und die glücklichen Augen der Fans zu sehen, wenn der Song anfängt und sie anfangen zu jubeln.“

So ruhig war es backstage nicht immer…

Ein Ort der Ruhe ist und war der Backstage-Bereich für die Band nicht immer. „Du hast natürlich auch dieses Klischee, dass es Situationen gab, in denen zwei, drei, vier Mädeln in Krankenschwesteruniformen backstage kamen und dann gleich gefragt haben ob sie jetzt wer beglücken möchte“, erzählt Dero wenig begeistert und Crap fügt hinzu: „Und sie hatten teilweise auch einen Typen dabei, der das dann gleich für sie mitfilmen sollte, das war ja das Schönste.“

Neben Stalkerfans, Groupies und anderen krassen Fan-Erlebnissen, waren es vor allem andere Bands, die für erschreckende Backstage-Erfahrungen gesorgt haben, erzählt Dero weiter: „Du hast auch auf Festivals durchgedrehte Leute, die sich irgendwelche Amphetamine in irgendwelche Körperöffnungen reinziehen und dann auch durchdrehen. Wenn du davon zu viel nimmst, zerstörst du auch mal den Backstageraum.“ Oomph! haben da ihren eigenen Weg gefunden: „Wir haben das zum Glück immer relativ beschränkt auf nen kürzeren Zeitraum und jeder hat zum Glück zu Hause ein gefestigtes Umfeld, das wenig mit Musik zu tun hat, sodass du auch wieder zurückkommst auf den Boden der Tatsachen. Das haben viele nicht.“

Das vollständige Interview mit Oomph! findet ihr hier.