28.03.2019,

Oomph! im großen Backstage-Interview

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Interviews

Ihr kommt ja gerade vom Meet-and-Greet. Ist das für euch auch mittlerweile ein Ritual auf Tour geworden, dass ihr vorher die Fans trefft?

Dero: Mittlerweile schon. Das hat sich jetzt fest etabliert in unseren Tagesablauf. Das ist für uns auch ganz cool, dann fangen wir nicht an, aus Langeweile zu essen oder zu saufen. So hat man einen durchstrukturierten Tag. Es macht ja auch Spaß, von daher ist es eine nette Abwechslung zu dem Bandalltag, den man vorher hatte, als es diese Meet-and-Greets noch nicht gab. Und die Fans finden das auch toll, die nehmen das gut auf. Die sagen, für die ist es wie ein Traum, der wahr wird: Sie haben uns vor 15 Jahren das erste Mal live gesehen und jetzt können sie uns auch leibhaftig treffen und uns etwas sagen, was sie schon immer mal sagen wollten oder was unterschreiben lassen. Mal anfassen. Es gibt ja ganz profane Gründe, warum jemand diese Meet-and-Greets bucht. Aber es kommt gut an und es macht auch Spaß.

Wie lange macht ihr das jetzt schon?

Flux: Wir haben damit vor zwei Jahren in Russland begonnen. Auf der Tour haben wir das ausprobiert und dann haben unsere deutschen Fans das auch mitbekommen natürlich, Fotos gesehen im Internet und haben uns gefragt, ob wir das auch auf deutschen Tourneen machen können und das ist jetzt die erste Tournee in Deutschland, auf der wir das anbieten. Wir hatten das im letzten Jahr bei Einzelkonzerten probiert, und es kam gut an. Das merkt man auch, es werden immer mehr. Am Anfang wissen die Fans ja auch nicht, wie ist das dann, wie nah kommt man den Jungs wirklich. Und dann kommen Fotos im Internet und es wächst, es wird immer besser angenommen. Für uns auch schön, dass wir uns auch austauschen können. Man bekommt ja auch Feedback von den Fans, wenn das erste Eis gebrochen ist, trauen sich auch die meisten, was zu sagen oder Fragen zu stellen. Es ist für uns auch sehr unterhaltsam!

Ihr habt beim Meet-and-Greet erzählt, dass ihr euch direkt vor der Show zusammenstellt und noch einmal einen Kreis bildet. Habt ihr auch einzeln Rituale oder seid ihr gerne zusammen vorher?

Dero: Sowohl als auch. Es ist wichtig, kurz bevor man auf die Bühne geht, eine Gemeinschaft zu signalisieren und zu symbolisieren und ein Ritual daraus zu bilden. Aber jeder hat auch seine ganz speziellen persönlichen Rituale, wie er sich auf das Konzert vorbereitet. Und das hängt auch mit der Rolle zusammen, die er in der Band spielt. Ein Schlagzeuger muss sich eine Stunde vorher warmmachen, ich muss mich warmsingen, die Gitarristen spielen auch ihre Finger locker und der Bassist auch. Jeder hat seine eigenen Rituale, die auch mit seinem Job zusammenhängen.

Habt ihr noch Lampenfieber?

Dero: Nein. Überhaupt nicht. Ich müsste lügen. Gar nicht. Null.

Flux: Auf keinen Fall Lampenfieber im Sinne von Angst. Eher eine Vorfreude, wie vielleicht als Kind vor Weihnachten. Im besten Fall hatten wir auch einen Soundcheck, der funktioniert hat, das heißt, man hat auch keine Angst, dass mit der Technik irgendwas sein könnte. Und man freut sich einfach auf die Show, weil das ist einfach das Highlight für uns am Tag, die zwei Stunden auf der Bühne zu stehen und das machen, was uns Spaß macht und die glücklichen Augen der Fans zu sehen, wenn der Song anfängt und sie anfangen zu jubeln. Das ist ja das, warum wir auf Tour sind! Es ist eine Vorfreude, kein Lampenfieber.

Habt ihr auch Rituale nach der Show?

Dero: Ehrlich gesagt nicht. Ein blödes Ritual ist, dass man ganz spontan an das denkt, was nicht gut gelaufen ist. Das ist vielleicht ein negatives Ritual, aber das ist ja auch menschlich. Man ist ja Profi und man möchte Dinge auch besser machen. Für mich ist das normal, dass man das kurz anspricht und dann muss da auch ein Haken hinter gemacht werden. Es wäre eigentlich unprofessionell, wenn man‘s nicht tun würde, weil dann würde es auch wieder vergessen werden. Das gehört zu dem Job, damit man den besser macht. Aber so ein richtiges Ritual für nach der Show haben wir eigentlich nicht. Wir sitzen natürlich noch zusammen im Tourbus und stoßen noch mal an und jeder trinkt noch sein kleines Betthupferlchen sozusagen. Manchmal wird auch noch ein Film zusammen geguckt, aber selten in letzter Zeit ehrlich gesagt. Wir reden eigentlich lieber als dass wir noch eine digitale Berieselung brauchen.

Flux: Es gibt auch noch was zu essen. Man kann ja vor der Show oft nicht so viel essen, weil man keine Zeit hatte. Dann haben wir immer noch Schnittchen oder Pizza im Bus, was uns der Veranstalter eben mitgibt. Dann sitzen wir locker zusammen, trinken was, essen was und reden miteinander. Das sind natürlich keine Rituale wie ein Aberglaube, was man vorher und hinterher durchziehen muss, aber Sachen, die wir gemeinsam machen. Mit vielen aus der Crew, mit fast allen, sind wir schon seit Jahren unterwegs und das ist immer wie eine kleine Klassenfahrt, wenn wir unterwegs sind und ein schönes Wiedersehen. 

Ihr seid ja mittlerweile in den Backstages dieser Welt unterwegs. Gibt es länderspezifische Eigenheiten, etwas typisch Deutsches oder typisch Russisches?

Dero: Das gibt es, sowohl bei den Reaktionen der Fans als auch bei der Küche und bei der Kultur auch. Ich finde das auch schön, dass wenn man in verschiedene Länder kommt, man auch wahrnimmt, man ist auch in einer anderen Kultur. Und das liebe ich am Reisen, das liebe ich auch an der Tatsache, dass man viel rumkommt. Wenn man nach Frankreich kommt, fühlt es sich französisch an, man hört und schmeckt es. In Italien dasselbe usw. usf. Deswegen befürworte ich das auch total. Ich mag das grenzenlose Reisen innerhalb Europas, aber ich mag es auch, dass man deutliche Unterschiede zwischen den Kulturen merkt. Es wäre ja irgendwie erschreckend, wenn ja alles gleich wäre.

Flux: Früher auf unserem Rider hatten wir für unser Catering eine Biersorte, weil wir davon ausgegangen sind, wir kennen das Bier, dann wissen wir wenigstens, woran wir sind. Heute machen wir das genau anders. Wir fordern den örtlichen Veranstalter heraus und sagen, er möge uns die beste lokale Biersorte zur Verfügung stellen. Da fühlen sich die Veranstalter auch motiviert, ein wirklich gutes Bier aus dem Ort zu zeigen, dass sie selbst ein gutes Bier brauen können. Das ist dann ein Punkt, über den wir auch das Land kennenlernen: Übers Essen oder übers Bier. Das ist oft sehr interessant. Aber es gibt auch in jedem Land ein gutes Bier. 

Fällt euch spontan ein Bier ein, das besonders gut war?

Crap: Tyskie ist schön. Wie heißt dieses russische Bier? Baltika?

Dero: Deutschland ist natürlich weit vorne. Gerade auch im Frankenland, da gibt es die größte Brauereiendichte, da hast du schon sehr gute Biersorten. Das ist auch eine Geschmacksfrage, manch einer mag auch Bier, das ein bisschen nach Wasser schmeckt. Dieses Maisbier zum Beispiel aus Mexiko oder Spanien. Meins ist es nicht so. Es schmeckt nicht wirklich nach Bier. Aber es ist völlig okay, dass die Geschmäcker auch unterschiedlich sind. Der eine mag herbes Bier von der Nordseeküste, der andere mag lieber ein süßeres Bier aus dem bayrischen Raum. Da lässt sich auch nicht wirklich drüber streiten.

Crap: Ich freue mich jetzt sehr auf London. Ich mag Guinness und Kilkenny sehr gerne. Die haben auch wirklich gute Ales. Da bin ich echt gespannt drauf.

Flux: Enttäuschend wars in Mexiko, da gabs genau diese beiden bekannten Biersorten, die wir auch hier haben aus Mexiko. Das war dann nichts neues. Und es schmeckt drüben auch ganz genauso, wie es bei uns schmeckt. 

Gibt es noch andere Sachen, die auf dem Catering-Rider stehen?

Dero: Außer Bier? (lacht)

Crap: Ein guter Whisk(e)y muss drauf.

Dero: Sonst, klar, Essen, wir haben einen Veganer dabei, einen Vegetarier. Es ist breit gemischt. Vor ein paar Jahren hatten wir auch einen… wie heißt es…?

Flux: Frutarier? Laktoseintoleranten? Gluten?

Dero: Genau, Gluten, danke schön. Aber der ist nicht mehr dabei. Es erleichtert das Catering etwas für den örtlichen Veranstalter.

Gibt es noch irgendeine spannende Backstagestory?

Dero: Ja, aber die dürfen wir ja nicht erzählen, die ist ja ab 18!

Crap: Koks und Nutten! (lacht)

Dero: Nein, aber so blöd sich das anhört, wenn du auf der Bühne wirklich Rock’n’Roll hast, dann fahren die Batterien zwischen den Gigs auch echt runter, und dann willst du eher deine Ruhe haben. Jeder sucht sich sein kleines Refugium, wo er auch ein bisschen alleine sein kann. Natürlich haben wir auch schon extrem krasse, witzige, lustige, erschreckende Backstageerfahrungen über die Jahrzehnte gesammelt, die oft auch mit anderen Bands zu tun hatten, oder mit Stalkerfans, mit durchgedrehten Groupies, das gibt’s alles, natürlich.

Was ist da passiert?

Crap: Das war das Stichwort!

Dero: Alles Mögliche. Du hast natürlich auch dieses Klischee, dass es Situationen gab, in denen zwei, drei, vier Mädeln in Krankenschwesteruniformen backstage kamen und dann gleich gefragt haben ob sie jetzt wer beglücken möchte. Also dieses Klischee hast du auch.

Crap: Und sie hatten teilweise auch einen Typen dabei, der das dann gleich für sie mitfilmen sollte, das war ja das Schönste.

Dero: Sowas hast du natürlich. Du hast auch auf Festivals durchgedrehte Leute, die sich irgendwelche Amphetamine in irgendwelche Körperöffnungen reinziehen und dann auch durchdrehen. Wenn du davon zu viel nimmst, zerstörst du auch mal den Backstageraum. Wir haben da nicht ganz so viel Gas gegeben zum Glück. Viele sind auch auf der Strecke geblieben diesbezüglich. Die letzten Jahre sind ja voll mit Todesfällen innerhalb des Rockbusiness. Der jüngste Fall war ja Keith Flint von The Prodigy. Chester Bennington von Linkin Park, Chris Cornell, die Reihe geht ja endlos weiter. Das heißt, wir alle haben ja auch gesehen, was das mit Menschen macht, wenn du zu viel von den harten Drogen nimmst. Selbst wenn du irgendwann wieder clean bist, ist dein Gehirn so geschädigt von dem Zeug, dass du keine eigene Glückshormone mehr entwickeln kannst. Dementsprechend sind die Leute dauerdepressiv oder auf Antidepressiva und das Leben ist einfach nicht mehr geil, wenn du zehn, zwanzig Jahre Pillen eingeschmissen hast oder Speed gezogen hast.
Wir haben das zum Glück immer relativ beschränkt auf einen kürzeren Zeitraum und jeder hat zum Glück zu Hause ein gefestigtes Umfeld, das wenig mit Musik zu tun hat, sodass du auch wieder zurückkommst auf den Boden der Tatsachen. Das haben viele nicht. Es gibt viele Bands, die ganz lange touren, anderthalb, zwei Jahre am Stück und dann dieses Leben, das wirklich künstlich ist und mit dem Leben da draußen nichts zu tun hat. Du fühlst dich ja immer besonders, irgendwer kümmert sich immer, irgendeiner kommt und sagt wie cool du bist, oder irgendeiner möchte dich in deinem Licht sonnen oder irgendein Mädel denkt, dass du was ganz Besonderes bist, weil du auf der Bühne stehst. Das ist aber absoluter Blödsinn, wir sind nicht besonders, wir haben nur das Glück, Musik machen zu können und unser Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Aber wir sind letztlich genauso besonders wie ein Müllmann oder wie ein Architekt. Jeder macht hoffentlich das, was ihn ausfüllt und was gemacht werden muss. Ich habe auch meinen totalen Respekt vor Menschen, die unseren Müll wegräumen, oder Klos saubermachen müssen, so profan sich das anhört.
Wir sind nicht besonders.
Natürlich liegt das in unserem Beruf nahe, dass wir uns besonders fühlen und die meisten Musiker fühlen sich auch besonders und lassen das auch raushängen. Aber das ist ja eigentlich peinlich. Wie gesagt, das ist ein Sammelbecken von Menschen, die auch nicht umsonst Musiker geworden sind. Die auch seelische Abgründe in sich haben und deshalb diese Kunstform gewählt haben. Deswegen hast du wahrscheinlich auch eine höhere Quote an Leuten, die ein bisschen durch sind in diesem Business. Aber wenn man mal ein bisschen raustritt aus diesem Kreis und ein bisschen beobachten – ich setze mich oft hin und beobachte den ganzen Tag Dinge, die um mich herum geschehen. Schreib die auch teilweise auf, mach da Geschichten draus oder Texte, wie peinlich dieses Business teilweise auch ist. Es ist teilweise echt Comedy, ungewollte Comedy, echt, ganz oft. Und das mag ich dann auch, dass man sich dann so zurücksetzt, beobachtet, und sich denkt: (lacht) Was für ne Scheiße!

Vielen Dank für eure Zeit!