23.12.2019,

Emil Bulls Backstage: „Wie drei Ehen“

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Backstage-Berichte

Es ist 14 Uhr, in der Halle des Carlswerk Viktoria könnte man eine Stecknadel fallen hören, wenn der Regen draußen nicht so aufdringlich wäre. Die Kälte zieht von draußen in die heutige Location der X-Mas-Bash-Tour der Münchener, sodass der Soundcheck ohne dicke Jacke undenkbar ist. Nach und nach wird die Bühne voller, an den Instrumenten wird sich langsam warmgespielt, doch was fast pünktlich beginnt, sollte sich noch einige Zeit hinziehen. Die Technik streikt und die Gegebenheiten der Bühne sind alles andere als optimal für die Anforderungen der Band.

„Ich kann nicht riskieren, dass was schief geht!“, erklärt Sänger Christoph in einer Diskussion mit dem Tontechniker, zu dem er mit dem aktuellen Aufbau der Technik keinen Augenkontakt hat. Sollte es während der Show also zu Problemen beim Monitoring kommen, könnte die Band keine direkte und möglichst schnelle, unauffällige Hilfe bekommen. Keine akzeptable Situation für die Band. Ein Kompromiss wird zwar gefunden, die Umsetzung allerdings verschoben. Deswegen legt Christoph beim Abmischen seiner In-Ear-Monitore kurzerhand selbst Hand an.

Damit enden die Probleme leider nicht. Es treten Störgeräusche auf, wo keine sein sollten, doch das Finden und Beheben der Fehler kostet weitere Zeit. Während die Headliner Emil Bulls nur warten können, bauen die Vorbands bereits ihr Equipment vor der Bühne auf. Die Halle erwacht immer mehr zum Leben.

„Ein Refugium der Ordnung und Sauberkeit!“

Eine kurze Flucht aus der kalten Warterei in der tristen Halle bietet der große Backstagebereich oberhalb der Halle. Nachdem man das ungeheizte, steinerne Treppenhaus hinter sich gelassen hat, wartet auf Crew und Musiker ein warmer und einladender Backstage-Bereich. Ein langer Flur, gesäumt von mehreren Dressing Rooms, moderner Dusche und WC, führt in das Herzstück, den Aufenthaltsbereich mit offener Küche. Industrie-Charme trifft auf massive Holzmöbel – jeder Interior-Katalog würde sich um diese Kulisse reißen. Vielleicht sogar um das quietschbunte Trampolin, das sowohl deplatziert als auch irgendwie passend für dieses Ambiente scheint. Drummer Fab ist ganz begeistert: „Das hier ist ein Refugium der Ordnung und Sauberkeit!“ Entsprechenden Anklang findet dieser Raum den ganzen Tag über hinweg. Nur selten ziehen sich die Bands in ihre Räume zurück – und das obwohl es hier keinen Whirlpool gibt. Als Teil der Backstage-Ausstattung in einer Venue in Magdeburg ist der James und Moik ganz besonders im Gedächtnis geblieben: „Da sind wir natürlich alle zusammen rein“, berichtet James und Moik ergänzt lachend: „Mit Dosenbier!“

Geplätscher gibt es heute leider nur vom Starkregen, den man den ganzen Tag überall im Carlswerk Viktoria hören kann. Daher ist nach überwundenen Technikproblemen und überstandenem Soundcheck selbst der kleine Weg raus aus der Hallentür und die folgenden zehn Meter bis zum Nightliner keine verlockende Idee für jemanden, der weder rauchen noch ein Nickerchen bis zum Essen bzw. bis zur Show machen möchte.

Ein Viertel Jahrhundert Emil Bulls

Während des Essens diskutiert unter anderem Fab auf der einen Seite des Raums über Sinn und Unsinn eines Trampolins als neues Bühnenelement, auf der anderen Seite lauscht Christoph fasziniert den Ausführungen des Lichttechnikers, was er sich bei der Lichtsituation rund um den Fall des Kabuki (Vorhang) zu Beginn der Konzerte gedacht hat.

Trotz heißen Diskussionen, Technikproblemen und miesem Wetter ist davon, dass die Band sich gelegentlich mal richtig auf die Nerven geht, nichts zu spüren. „Es ist wie in einer guten Ehe, da geht man sich mal auf den Sack und dann darf es auch mal lauter werden“, erzählt Gitarrist Moik mit einem Grinsen. „Das wird immer schlimmer, umso älter man wird.“ Nächstes Jahr feiert die Band ihr Bandjubiläum zu 25 Jahren Emil Bulls. „Das ist eigentlich schon wie drei Ehen“, fügt er hinzu. Aktuell drehe sich bei ihnen alles um die magische Zahl 25. Bereits seit einem Jahr planen sie ihr Jubiläum und versprechen: „Die Leute können gespannt sein!“

Die meiste Zeit davon, nämlich mittlerweile 20 Jahre, sind sie bereits Endorsers von König und Meyer und waren sogar die allerersten. Bis heute scheinen die Münchener das Unternehmen aus Wertheim ordentlich auf Trab zu halten. Moik gibt zu: „Wir sind eine Band, die immer sehr spezielle Wünsche hat.“ Darunter fallen meist passende Mikrofonständer, gerne auch in Sonderfarben wie neonorange oder neongrün. Es muss ja schließlich zum Bühnenbild passen.

Die Ruhe vor dem Auftritt

Nach dem Abendessen wird es langsam ruhiger um Emil Bulls. Während die Vorbands bereits aufdrehen, beginnt für das Quartett die Vorbereitung. „Ich mache mir genau eine Stunde vor der Show ein Bier auf. Das ist mein Ritual, dann weiß ich, in einer Stunde geht es los. Dann trinke ich das Bier aus, ziehe mich um, trinke noch ein Bier und dann geht es los!“ Damit gibt Moik für alle anderen den Startschuss zum Countdown an. Denn James orientiert sich genau daran: „Wenn Moik sich das Bier aufmacht, mache ich mich meistens schon komplett bühnenfertig. Also ich ziehe schon meine Monitorkopfhörer an, ziehe schon meine Bühnensachen an.“ Das ist der Zeitpunkt, wo er ganz ruhig werde, sich auf das konzentriere, was kommt.

Christoph ist heute außerplanmäßig beschäftigt. Drei Fans haben sich mit einer Torte angekündigt. Die dreistöckige, personalisierte Emil-Bulls-Torte mit drei Geschmacksrichtungen haben die drei jungen Frauen selbst gebacken und wurden zum Dank auf ein Bier im Backstage-Bereich eingeladen. Doch mit Moiks Countdown-Bier beginnt auch bei Christoph die Nervosität einzusetzen. „Wenn das aufhört, kannst Du auch ganz aufhören“, erzählt er mit einem Schulterzucken und verabschiedet sich, um sich warmzusingen.

In der letzten Stunde vor Showbeginn der Headliner verwandelt sich der ruhige, gemütliche Backstagebereich in einen unruhigen Bienenstock. Andy und James lassen es sich nicht nehmen, sich einige Songs von Annisokay anzuhören, dennoch spürt man, dass sie gedanklich schon bei sich auf der Bühne sind.

Um 21:30 Uhr macht sich jeder einzeln auf den Weg auf die Bühne. Hinter dem Vorhang bleibt noch etwas Zeit. James ganz in sich gekehrt; Christoph, das unruhige Gegenteil. Fab lässt seinen Blick hinter dem Schlagzeug ein letztes Mal umherschweifen; Andy und Moik flankieren wie Felsen in der Brandung ihre Band. Kurz vor Beginn kommen alle zu ihrem einzigen gemeinsamen Ritual vor der Show zusammen: „Das ist quasi so ein Abklatschen, so eine besondere Art, und jedem viel Glück für die Show wünschen.“

Aufstellung. Das Publikum wird lauter. Die Halle wird hell. Dann kurz dunkel und der Vorhang ist gefallen. Genau, wie der Lichttechniker es Christoph zuvor erklärt hat.