04.11.2019,

Eine große Familie: Backstage mit den Söhnen Mannheims in Saarbrücken

Autor: Reinhard (backstagepro.de) Kategorien: Backstage-BerichteInterviews

Die Gemeinschaft spielt für die Söhne Mannheims eine große Rolle. Keyboarder Florian Sitzmann nennt die Band liebevoll einen „großen, multikulturellen Haufen“ – kein Wunder, vereint das Kollektiv doch eine beträchtliche Anzahl an Bandmitgliedern und befreundeten Gastmusikern mit den verschiedensten musikalischen und persönlichen Hintergründen.

„Es ist viel mehr als nur ein professionelles Verhältnis“, erzählt uns Florian. „Das ist auch das Schöne an einer Tour. Wann immer es geht, verbringen wir auch nach den Shows Zeit miteinander.“

Die Söhne fackeln nicht lange

So verwundert es wohl auch nicht weiter, dass am Tag ihrer ersten Show nach zweijähriger Live-Pause ein monströser Nightliner vor der Eventarena Saarbrücken anrollt, in dem die gesamte Band gemeinsam unterwegs ist.

Im Backstage-Bereich ist für die Söhne bereits alles hergerichtet. Nach kurzer Stärkung wird bereits wenige Augenblicke später alles für den Soundcheck vorbereitet. Auf der Bühne herrscht ein emsiges Treiben.

Mikros, so weit das Auge reicht

Eine Phalanx aus Gesangsmikrofonen (wir kommen beim Zählen auf insgesamt 11) säumt den Bühnenrand, hinzukommen Schlagzeug- und Amp-Mikrofonierung – sicherlich kein leichter Job für den Mann hinter den Reglern, der dementsprechend eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, bis alles optimal aufeinander sowie auf die Soundverhältnisse der Halle abgestimmt ist.

“Wo kommt eigentlich der Hall her?”, fragt jemand auf der Bühne zwischendurch, und Rolf Stahlhofen wiederholt lachend und laut rufend durch die noch leere – und entsprechend hallende – Eventarena in Richtung des Mischers: “Ja, wo kommt eigentlich der Hall her?” Nach dem Soundcheck bleibt der Band genügend Zeit, sich in Ruhe mit weiteren Songs gemeinsam auf der Bühne für den Abend aufzuwärmen.

Über den Instagram-Account der Söhne Mannheims verkündete Rolf Stahlhofen während der Anreise in einem Video: “Wir haben uns den Arsch abgeprobt”. Dementsprechend zeigen sich sowohl Instrumentalisten als auch Sänger bereits vor der Show bestens eingegroovt und mit sichtlich Spaß an der Sache.

Gear-Talk mit den Söhnen Mannheims

Anschließend wird es ruhiger für die Musiker, die sich immer wieder in Grüppchen im Backstage-Bereich einfinden.

Wir nutzen die Gelegenheit um über Equipment zu plaudern. Mit Martin Stumpf, von Haus aus Bassist, heute bei den Söhnen Mannheims aber auch an der Akustikgitarre zu erleben, unterhalten wir uns über die Vorzüge von professionellen In-Ear-Kopfhörern. Diese könne man auch wunderbar beim Bahnfahren ganz ohne Musik verwenden, wenn man seine Ruhe haben will, so Martin.

Florian berichtet uns von seiner Version des König & Meyer Spider Pro-Keyboardständers, die auch heute wieder auf der Bühne im Einsatz ist und die einst eigens für ihn angefertigt wurde. “Das ist locker 15 Jahre her”, erzählt uns der Keyboarder und freut sich, dass der Ständer auch nach all der Zeit noch immer bestens funktioniert.

Karim Amun gesteht uns derweil, dass er noch nicht den passenden König & Meyer-Halter für sein neues iPad besorgt hat, sondern stattdessen noch die ältere Version verwendet, obwohl es dort aufgrund veränderter Maße nicht richtig hineinpasst. Da werden wir Abhilfe schaffen, versprochen.

Dann haben wir Gelegenheit, mit Florian Sitzmann und Bassist Edward Maclean ausführlich über das Tourleben der Band zu sprechen.

“Es ist großartig, alle wiederzusehen”

Backstage PRO: Ihr seid nun zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder gemeinsam unterwegs. Wie fühlt sich das für euch an?

Edward: Es ist großartig, alle wiederzusehen und die Songs zu spielen. Natürlich ist es auch eine kleine Herausforderung. Hin und wieder muss man ein bisschen im Hinterstübchen kramen und fragt sich: “Wie war das noch gleich?” Aber ich freue mich riesig.

Florian: Für mich ist es purer Spaß. Fühlt sich sehr gut an.

 

Backstage PRO: Ist auch Aufregung dabei bzw. gibt es bei euch noch so etwas wie Lampenfieber?

Florian. Ich würde das nicht Lampenfieber nennen, sondern Excitement. Positive Aufregung ist immer da, und die muss auch da sein.

 

“Wir fahren sehr gerne alle zusammen”

Backstage PRO: Ihr seid vorhin alle gemeinsam in einem riesigen Nightliner angekommen. Reist ihr immer alle zusammen an?

Florian: Nicht immer. Wie fahren sehr gerne zusammen im Nightliner, weil das das Bandgefüge und, wenn die Technikcrew dabei ist, auch die Community auf der Bühne allgemein bestärkt. Zudem ist es mit der Crew meistens sehr lustig. Wir sind allerdings auch zu großen Teilen passionierte Autofahrer. Es gibt also auch den Fall, dass wir zu zehnt mit zwanzig Autos fahren (lacht).

Edward: Die Deutsche Bahn darf natürlich auch nicht fehlen. Zu manchen Gigs reist man direkt an, wenn alles steht und nicht mehr geprobt wird.

 

“Die Band ist ein tolles Modell für eine offene, interkulturelle Gesellschaft”

Backstage PRO: In so einer großen Band kommen ja zwangsläufig viele verschiedene Persönlichkeiten zusammen. Bleibt es bei euch auf Tour immer friedlich oder gibt es auch Momente, in denen man sich gegenseitig auf die Nerven geht?

Florian: Also an so etwas kann ich mich jetzt ja überhaupt nicht erinnern… (lacht).

Edward: Auseinandersetzungen? Niiie… (lacht). Es ist wie überall im Leben: Wenn man viel aufeinanderhängt, gibt es hin und wieder etwas, das man klären muss. Es gibt über bestimmte Sachen unterschiedliche Ansichten, die dann mal in die eine oder die andere Richtung tendieren.

Florian: Ich finde, man hat immer die Wahl. Wir sind sehr multikulturell und haben wahnsinnig viele verschiedene Backgrounds. Entweder stellst du dich stur und interessierst dich nicht dafür, wie der andere aufgewachsen ist oder empfindet; oder du findest gerade das spannend und öffnest dich nach Möglichkeit dafür, warum jemand dieselbe Sache ganz anders empfindet.

Dann hat man eine gute Chance, miteinander klarzukommen, auch auf Dauer. Bei Söhne Mannheims bleibt einem eigentlich gar nichts anderes übrig. Insofern finde ich, die Band ist ein tolles Modell für eine offene, interkulturelle Gesellschaft, und bin stolz auf jeden Gig, den wir auf diese Art und Weise zusammen hinbekommen.

 

“Wir singen kurz vor der Show gemeinsam nur von einer Gitarre begleitet”

Backstage PRO: Habt ihr vor der Show bestimmte Rituale?

Florian Sitzmann: Wie du dir vorstellen kannst, haben die sich über die Jahrzehnte, über die man langsam sprechen muss, ein bisschen verwandelt. Es gab mal solche und mal solche, auch mal keine. Ich finde es immer schön, wenn es ein Ritual gibt, aber das kann man nicht auf ein einziges festnageln… und was das für Rituale sind, das erzähle ich jetzt nicht (lacht).

 

Backstage PRO: Ihr habt vorhin gemeinsam Soundcheck gemacht und euch zusammen aufgewärmt. Wie bereitet ihr euch noch auf die Show vor?

Edward: Ich freue mich, wenn ich mich vorher noch mal in die Koje im Nightliner legen und eine halbe Stunde die Augen schließen kann. Ansonsten: Zusammensitzen, Quatschen…

Florian Sitzmann: Wann immer es die Zeit erlaubt, treffen wir uns eine halbe Stunde vor Showtime und singen, nur von einer Gitarre begleitet, ein paar von den Songs an. Nach der ganzen Hektik und dem Lärm, der beim Soundcheck auf der Bühne herrscht, ist es schön, wenn man sie noch mal in leiserer Variante singen und dabei alles richtig gut hören kann. Zuweilen klärt sich dabei auch, ob etwa jemand dazu tendiert, eine Textstelle zu vergessen oder seine Stimme versehentlich mit jemand anderem zu tauschen.

Das bringt uns in das Feeling der Söhne Mannheims rein. Daran nehmen auch wir als Instrumentalisten teil, ob wir dabei nun etwas zu tun haben oder nicht. Das hilft auch, dass nicht jeder bis zur letzten Minute noch mit seinem Kopf woanders hängt – bei WhatsApp, Instagram oder sonstwo.

 

“Was Freunde oder Gäste im Backstage angeht, sind wir relativ restriktiv”

Backstage PRO: Was ist denn Backstage für euch absolut unverzichtbar?

Florian: Auf jeden Fall ein gewisses Maß an Privatsphäre. Bei so vielen Leuten in der Band würde es uferlos, wenn man viele Freunde oder Gäste im Backstage hätte. Die Familien sind uns heilig, die kommen auch mal nach hinten. Ansonsten sind wir da jedoch relativ restriktiv. Die Voraussetzungen müssen stimmen, damit wir im Backstage selbst eine Familie sein können.

Ansonsten ist es egal, ob der Backstage-Bereich klein oder groß ist, toll ausgestattet oder nicht. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einer langen Tour und ein paar sporadischen Gigs hintereinander. Auf einer langen Tour will man einen gewissen Komfort oder ein paar Dinge, an denen man festhält, wenn man jeden Tag in einer anderen Stadt spielt.

 

“In Mailand passten wir gar nicht alle in den Backstage-Raum”

Backstage PRO: Gibt es ein besonders einprägsames Backstage-Erlebnis, das euch spontan einfällt?

Florian: Ich erinnere mich an die Europatour 2011. Wie man sich vorstellen kann, waren die Läden in Italien oder Schweden wesentlich kleiner als in Deutschland. Wir hatten in Mailand einen Club, da war das Backstage so winzig, dass wir selbst ohne Klamotten gar nicht alle gleichzeitig reingepasst haben (lacht). Es war wirklich lustig, zu versuchen, sich dort umzuziehen oder irgendetwas vorzubereiten.

Ich erinnere mich auch an das Gegenteil: Ein ganz riesiges, weitläufiges Backstage irgendwo in Ostdeutschland. Ich weiß allerdings nicht mehr genau, wo. Michael Herberger und ich haben als letzte gegessen. Es gab noch zwei freie Teller an einem Tisch, der gefühlt 37 Meter lang war. Wir haben uns eiskalt an die äußeren Enden des Tisches gesetzt und eine Unterhaltung miteinander geführt (lacht). Das werde ich nie vergessen. Das hatte was sehr schön Surreales, passt aber eigentlich gut zum Stil der Söhne Mannheims.

 

“Wir sind auf Tour viel braver, als die meisten uns einschätzen”

Backstage PRO: Wenn ihr gemeinsam auf Tour seid, gibt es da bestimmte Eigenarten oder Macken, die dabei zum Vorschein kommen?

Edward: Ich glaube, das fällt einem irgendwann gar nicht mehr so auf. Oder man kennt es von den Leuten und es ist ein Teil von ihnen. Man umschifft so etwas dann bewusst oder auch unbewusst oder freut sich darüber. Das ist dann schon in Fleisch und Blut übergegangen, auch wenn Außenstehende vielleicht denken würden: “Echt jetzt?” (lacht).

Florian: Ich würde es mal allgemein formulieren: Konzerte zu spielen ist eine emotional ungewöhnliche Situation. Das ist kaum zu vergleichen mit sonstigen Dingen, die man so im Leben tut. Das Tolle daran, zuweilen auch das Schwierige: Jeder hat seine eigene Umgangsweise damit. Manche ziehen sich mehr zurück, andere stürzen sich in die Gesellschaft. Jeder hat so seine eigenen Rituale, seine eigenen Empfindlichkeiten, vielleicht auch seine eigene Art von Spaß dabei. Es ist schon lustig, zu beobachten, wie man sich auch selbst in so einem großen interkulturellen Haufen einsortiert.

Die Söhne Mannheims als Ganzes sind relativ presseunfreundlich, was totale Schrulligkeiten, Skandale oder sonstige Dinge in der Richtung betrifft. Verwüstete Backstage-Räume, Fernseher, die aus dem Fenster fliegen oder totale Besäufnisse – damit können wir einfach nicht dienen. Wir sind auf Tour viel braver, als die meisten uns einschätzen.

 

Backstage PRO: Verbringt ihr den Abend nach einer Show noch zusammen oder zieht ihr euch eher zurück und sucht Ruhe?

Edward: Es ist nicht so, dass auf einmal alle schnell weg sind. In der Regel sitzt die Band nach der Show noch in Grüppchen zusammen. Wir lassen alles ein bisschen Revue passieren oder es einfach fließen und das Adrenalin rausströmen. Da herrscht ein familiärer Vibe und man lässt dann auch mal die Show Show sein und sagt einfach: “Hey, schön dass ihr da seid.”

 

Intime Backstage-Vorstellung

Kurz vor der Show bietet sich uns Backstage zudem ein ganz besonderer, ruhiger musikalischer Leckerbissen, als sich Dominic Sanz und Martin spontan die Akustikgitarre schnappen, um gefühlvoll und veröffentlichungsreif Robbie Williams’ “Angels” und den Kings of Leon-Song “Use Somebody” anzustimmen bevor die Söhne unter ohrenbetäubendem Jubel der Fans die Bühne betreten und das Konzert beginnt.

 

Vielen Dank für die intimen Einblicke in den Touralltag – ganz besonders vor dem Hintergrund der geschätzten Privatsphäre im Backstage-Bereich.

Weitere Eindrücke findet ihr in unseren Story-Highlights auf unserer Instagram-Seite.