29.10.2019,

Die Happy – Urlaub statt Klassenfahrt

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Backstage-Berichte

Die Matrix in Bochum ist schon für die Besucher*innen eine wahre Augenweide. Folgt man den vielen Treppenstufen nach unten in den Bochumer Untergrund, wird man begleitet von unverputzten Backsteinmauern und verwinkelten Ecken und Gängen, die ins dunkle Nichts zu führen scheinen. Nur der ausgeschilderte „Pipi-Weg“ sorgt für kurze Orientierung. Wagt man sich tiefer in die Katakomben ohne sich zu verirren, wartet das Herzstück auf Fans und Künstler*innen: Die schlauchförmige Halle mit beeindruckendem Backsteingewölbe. Beim ersten Besuch der Matrix hinterlässt das Eindruck.

Wirklich ausufernd werden die Dimensionen aber erst, wenn man den Bereich betritt, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Der Begriff „Backstage“ wird dem nur wenig gerecht. Eine Doppeltür an der Hallenwand führt in einen weiteren großen Flügel der Matrix. Mit ebenso hohem Gewölbe dient eine Hälfte als Abstellort für Technik und überflüssige Dinge, Ausmaße, in denen weitere Clubs Platz gefunden hätten, während die andere Hälfte als klassischer Rückzugsort für die Künstler*innen dient. Erkennbar ist dieser Teil zweifellos an den Tourplakaten, mit denen die Wände bis unter die Decke volltapeziert sind. Drei großzügige Räume stehen hier der Crew zur Verfügung, darunter zwei Räume mit gemütlichen Sofas und Kinosesseln an der Wand sowie ein Catering-Raum mit offener Küche. Während draußen die Techniker die Halle startklar machen, hat Köchin Joana bereits ein kaltes, mittlerweile bereits gut geplündertes Buffet auf die Beine gestellt und bereitet schon das Abendessen vor.

„Ich muss als Sängerin wirklich auf mich aufpassen“

Gitarrist Thorsten Mewes schaut während des Aufbaus wiederholt in der Halle vorbei und steht auch als erster auf der Bühne, als der Soundcheck um 16:30 Uhr für die Band beginnt. Es herrscht emsige Professionalität, man spürt, dass hier über 25 Jahre Bandgeschichte für Souveränität sorgen. Trotz des Vierteljahrhunderts hat die Band um Sängerin Marta Jandová den Spaß an der Sache aber nicht verloren. Zusammen wird die Setlist der Band des vergangenen Tages studiert und ausgelassen auf der Bühne getanzt, während Die Happy einige Songs ihrer noch jungen Setlist anspielen. Bei der Zusammenstellung ist die Band bis an ihre Anfänge zurückgegangen, erzählt Marta: „Wir spielen Songs, die wir sehr lange nicht mehr gespielt haben. Da wir letztes Jahr zum Vierteljahrhundertsten Geburtstag eine Unplugged-Tour gespielt haben, müssen wir das auch mal rockig feiern.“ Das alles auf Wunsch der Fans, ergänzt Thorsten: „Wir hatten eine Umfrage auf Social Media, was die Leute gerne auf der Setliste hätten und da kamen Wünsche nach ganz viel raren, alten Songs und dann haben wir gedacht: Okay, wenn die Leute darauf Bock haben. Wir haben auch Bock!“

Sängerin Marta muss heute ihre Stimme schonen, kann die Band nicht durchgehend begleiten, macht das aber wett, indem sie auch ohne Gesang mitgeht und ihre Bandkollegen anstachelt. Ihr Fokus liegt ganz klar darauf, für die Konzerte fit zu sein und dafür auf sich aufzupassen. „Ich singe, schreie, spreche von Anfang bis Ende knappe zwei Stunden. […] Ich gebe alles die zwei Stunden über.“ Um dieses Level eine ganze Tour halten zu können, mischt sie sich nur noch selten nach der Show in der immer noch lauten und vollen Halle zum Quatschen unter die Fans. „Wenn ich am nächsten Tag wegen der Unterhaltungen ein schlechtes Konzert abliefern würde, dann würde ich die Leute betrügen, die sich für die nächste Show ein Ticket gekauft haben. Deswegen muss ich als Sängerin wirklich auf mich aufpassen.“

Einiger Feinschliffe und Absprachen bedarf es während des Soundchecks noch. Der neue Gitarrist Robert „Robse“ Kerner bekommt einige Hinweise, Songs aus der Setlist werden komplett in Frage gestellt und während Die Happy stetig miteinander reden, verlassen sie nach und nach ihre Bühnenaufstellung und gruppieren sich in einem Kreis um Drummer Jürgen Stiehle. Fließend und wie natürlich wird so während des Soundchecks aus einer performativen Haltung ein konstruktives Kollektiv, das viel Wert auf Details in ihren Songs legt.

Die Ruhe vor dem Sturm

Gegen 17:15 Uhr verteilen sich die fünf Bandmitglieder erneut. Teilweise sind die Partnerinnen vor Ort, sodass jede*r diese Zeit unabhängig voneinander für Persönliches nutzt. Thorsten zögert nicht und tankt an der Erdoberfläche Sonnenlicht. Für ihn gehört Tageslicht im Backstagebereich zu den Dingen, über die er sich am meisten freut. Gleiches gilt für funktionierendes WLan. Beides bekommt er heute leider nicht.

Marta hat sich derweil in das Produktionsbüro von Tourmanagerin Kirsten Baumeister zurückgezogen, dem einzigen Ort mit Internetzugang, um private Angelegenheiten zu klären. Denn auch das bleibt auf Tour, tief unter der Erde, nicht aus. Dabei genießt die Sängerin es auf Tour, meistens Ruhe vom stressigen Alltag zu haben: „Wenn ich zuhause bin, dann werde ich ständig von der Zeit gejagt. Kind zur Schule, Kind von der Schule irgendwo hinbringen, wieder abholen, einkaufen, mit den Hunden raus, dies machen, das machen“. Vermutlich ist das der Grund für die Stille, die Backstage herrscht. Für viele Bands, die wir bereits in den #backstagestories begleitet haben, ist das Tourleben eine wilde Klassenfahrt. Für Die Happy grenzt es an Urlaub. „Ich genieße es, einfach im Bett liegen zu bleiben, das Fensterchen im Bus aufzumachen und zu gucken, wo wir sind und was ich für eine Aussicht habe. Einfach ein paar Spiele zu spielen oder Instagram zu checken und dann wieder kurz einschlafen und nichts tun zu müssen“, sinniert Marta.

Trotz der Zerstreuung finden alle gelegentlich im großen Cateringbereich zueinander. Im Vorbeigehen unterzeichnen die Bandmitglieder noch einige Exemplare der ausliegenden Jubiläumsbände oder erhaschen Snacks oder warme Gerichte vom Buffet. Zwischendurch bemerkt Marta auch meine verschmierte Wimperntusche und zeigt sich solidarisch: „Ich laufe manchmal stundenlang mit verschmiertem Make Up herum und keiner der Jungs sagt etwas!“

Mit perfekt sitzendem MakeUp beginnen Marta und ihre Band sich vermehrt im hinteren Backstageraum zusammenzufinden, suchen die Ruhe miteinander. Dabei schwelgen sie in Erinnerungen. Denn für ihr letztes Album „Everlove“ haben sie genau hier einen Chorpart aufgenommen. Thorsten muss lachen als er erzählt: „Da waren ganz viele Freunde und Bekannte hier, so zwanzig Leute, und Jürgen hat als gelernter Dirigent dann den Chor dirigiert.“ Mehr Backstagestories sind aus Die Happy aber nicht herauszubekommen. „Das ist der Mantel des Schweigens. Was auf Tour passiert, bleibt auf Tour.“

Und so schließt sich kurz vor Beginn ihr Backstageraum. Während Die Happy sich im berühmten Kreis noch einmal aufeinander einschwören, steigt das erwartungsvolle Gemurmel in der Halle an. Bochum ist und bleibt etwas Besonderes für Die Happy und ihre Fans. Da soll dieser Abend keine Ausnahme werden.