29.10.2019,

Die Happy im exklusiven Backstage Interview

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Interviews

Eure Love Suicide-Tour läuft gerade an mit einer neuen Single im Gepäck. Wie lief der Tourstart nach der langen Festivalsaison?

Marta: Die ersten Auftritte waren genial, wir haben natürlich ein bisschen Angst gehabt. Wir spielen Songs, die wir sehr lange nicht mehr gespielt haben und haben uns vorgenommen, wenn wir letztes Jahr zum Vierteljahrhundertsten Geburtstag eine unplugged Tour gespielt haben, dann müssen wir das auch mal rockig feiern. Das haben wir uns für dieses Jahr vorgenommen. Deswegen haben wir auch ganz viele Riffnummern, auch von unserem ersten Album, rausgegraben, die wir wirklich sehr lange nicht mehr gespielt haben. Dann haben wir uns gefragt und waren gespannt, ob die Leute sich noch daran erinnern können, aber das kam tierisch an!
Thorsten: Wir hatten auch so eine Umfrage auf Social Media, was die Leute gerne auf der Setliste hätten und da kamen Wünsche nach ganz viel raren, alten Songs und dann haben wir gedacht: Okay, wenn die Leute darauf Bock haben. Wir haben auch Bock! Dann probieren wir es aus. Bisher hat es super geklappt.

Gefällt euch das Backstage-Leben auf Festivals eher oder ist es angenehmer, Ruhe im „eigenen“ Backstage zu haben?

Thorsten: Herrlich! Also ich finde es toll!
Marta: Ach, ich liebe die Festivals auch. Das hat alles seinen Reiz.
Thorsten: Das stimmt.
Marta: Wir haben dieses Jahr große Festivals gespielt. Und das macht auch Spaß neben anderen Bands zu sitzen. Beim Wacken zum Beispiel waren zig Bühnen und dann sind ständig Bands verschwitzt angekommen, frische wieder raus auf die Bühne. Das war echt genial zu sehen. Aber es ist immer schön, wenn wir allein auf Tour sind, weil da ist dann unser Catering und unsere gemütlichen Sofas, weil wir einen Nightliner haben.
Thorsten: Das Gute, finde ich, auf den Festivals hat man die Chance, neue Leute für sich zu begeistern, aber bei eigenen Shows ist es gleich von Anfang an immer eine ganz andere Energie da. Weil die Leute warten auf dich und haben Bock da drauf. Mir macht es sehr viel Spaß, eigene Shows zu spielen.

Wie sieht ein typischer Tourtag bei Die Happy aus?

Marta: Wir zwei ausgerechnet sind Frühaufsteher. Ich stehe normalerweise zwischen 6:30 und 7:30 Uhr auf. Wir haben beide Kinder, also ist das ganz normal. Hier auf Tour genieße ich, dass ich das nicht machen muss. Ich wache jeden Tag zwischen 7 und 8 Uhr auf und genieße es, einfach im Bett liegen zu bleiben, das Fensterchen im Bus aufzumachen und zu gucken, wo wir sind und was ich für eine Aussicht habe. Einfach ein paar Spiele zu spielen oder Instagram zu checken und dann wieder kurz einschlafen und nichts tun zu müssen. Wenn ich zuhause bin, dann werde ich ständig von der Zeit gejagt. Kind zur Schule, Kind von der Schule irgendwo hinbringen, wieder abholen, einkaufen, mit den Hunden raus, dies machen, das machen. Meine Zeit hier wird geschoben, ich stehe später auf, gehe später ins Bett. In Prag würde ich jetzt vielleicht schon ohnmächtig neben meiner Tochter liegen [Anm: Es ist 20 Uhr], weil ich mit ihr meistens einschlafe.
Thorsten: Das Wichtigste ist bei mir zum Beispiel beim Touralltag immer das Frühstück. Zuhause bin ich eigentlich gar kein Frühstücker, weil ich auch so früh aufstehen muss, aber auf Tour genieße ich das, morgens dann um 10 oder 11 Uhr in den Club zu gehen, ausgiebig zu frühstücken, dann zu duschen und dann erstmal zu gucken, wo ist man? Kann man ein bisschen rausgehen? Wobei wir jetzt an ein paar Tage Interviewtermine hatten, da war es ein bisschen anstrengender. Ansonsten ist es immer relativ ruhig. Dann trifft man sich zum Soundcheck und freut sich schon wieder auf das Abendessen. Essen und spielen ist so ein bisschen der klassische Touralltag.

Habt ihr Rituale vor der Show?

Thorsten: Ja klar! Normalerweise haben wir einen Altar dabei, wo wir so ganz viele Sachen gesammelt haben über die letzten Jahrzehnte. Der hat jetzt leider nicht mehr reingepasst, weil wir so viel Zeug dabeihaben, aber ansonsten haben wir immer ein Schnäpschen getrunken. Sonst machen wir den klassischen Kreis, den wahrscheinlich jede Band macht, um sich noch einmal kurz einzuschwören, bevor man dann gemeinsam auf die Bühne geht.

Was waren denn Teile des Altars?

Marta: Da waren ganz viele Sachen. Das haben wir uns ein bisschen abgeguckt von BAP. Die haben so einen Mini-Altar immer dabei mit allen möglichen Fotos, manche Tourpässe, Sachen, die wir geschenkt bekommen haben und da sind immer mehr Sachen dazugekommen. Manchmal haben wir sogar reingeguckt und uns gefragt: „Woher war denn das?“ Weil es auch passiert ist, dass jemand vorbeigegangen ist und etwas dazugesteckt hat.

Habt ihr auch Rituale nach der Show?

Marta: Wir haben Rituale, aber das ist mittlerweile eher im Backstage abhängen. Ich muss sofort duschen gehen, weil ich bin so fertig. Und wenn ich geduscht habe, lege ich mich aufs Sofa und meistens möchte ich ein Gläschen Weißwein und eine Stunde nichts sagen.
Früher sind wir immer raus zu den Leuten, aber die Tour ist so anstrengend – man hört es auch, wie ich spreche. Ich singe, schreie, spreche von Anfang bis Ende knappe zwei Stunden und dann noch mich mit Leuten zu unterhalten während in Clubs noch weiter laute Musik gespielt wird – das ist für mich echt der Killer. So blöd, wie es sich anhört, aber die Leute bezahlen das Ticket, um ein geiles Konzert zu sehen und nicht, um sich später mit mir zu unterhalten. Und wenn ich dann am nächsten Tag eben wegen der Unterhaltungen ein schlechtes Konzert abliefern würde, dann würde ich die Leute betrügen, die sich für die nächste Show ein Ticket gekauft haben. Deswegen muss ich als Sängerin wirklich auf mich aufpassen. Manchmal sind Leute böse, weil ich nicht rausgekommen bin, aber ich gebe alles die zwei Stunden über. Wirklich alles. Dann wäre ich nur noch kaputt und könnte weitere Konzerte nicht spielen, deswegen bin ich lieber schon hinten und mache es mir gemütlich und schweige.

Womit kann man euch Backstage eine Freude machen?

Marta: Mit funktionierendem Wlan. [Anm.: Das gab es heute nicht] Das schnell ist und uns alle aufnehmen kann.
Thorsten: Das ist eines der wichtigsten Sachen. Wlan ist aber immer ein großes Thema. Tageslicht ist auch immer wahnsinnig schön, wenn man das hat.
Marta: Leckeres Catering!
Thorsten: Natürlich Essen und Getränke.
Marta: Frisches Gemüse. Und ein paar vegane Sachen.
Thorsten: Was bei uns hoch im Kurs ist, sind Smoothies. Finde ich fertig noch geiler als mit der Saftpresse gemacht. Tatsächlich alles schon in die gesunde Richtung.

Gibt es nach über 25 Jahren Bandgeschichte Backstage-Geschichten, die euch nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind?

Thorsten: [lacht] Viele! Aber über die meisten Dinge, die uns im Gedächtnis bleiben, sprechen wir nicht.
Marta: Das ist leider so. Das ist der Mantel des Schweigens. Was auf Tour passiert, bleibt auf Tour. Aber es ist schön, wenn man zum Beispiel irgendwohin zurückkommt, wie hier heute. Weil man sich an Vieles erinnert, was hier passiert ist.
Thorsten: Für die letzte Platte haben wir hier den Chor aufgenommen. Da waren ganz viele Freunde und Bekannte hier, so zwanzig Leute, und Jürgen hat als gelernter Dirigent dann den Chor dirigiert. Dann haben wir hier einen Chor aufgenommen, der dann auch auf der letzten Platte gelandet ist. Da mussten die ganzen Freunde und Bekannte herhalten und hier, wo wir gerade sitzen, den Teil aufnehmen.