30.01.2019,

Blackout Problems – Erfolg muss man verdienen

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Backstage-Berichte

Über den Kulissen einer Doppelshow der Blackout Problems in Düsseldorf

Heute muss ausnahmsweise kein Equipment verladen und aufgebaut werden, alles steht noch von der gestrigen Show bereit und hatte über Nacht die Möglichkeit zu trocknen. „Gestern hat es noch eine Stunde nach dem Konzert Schweiß von der Decke getropft“, erzählt Tourmanager und Tontechniker Crispin Schwarz, während er an kleineren Cases, Rucksäcken und Jacken im ansonsten leeren Club vorbei zu seinem Tonpult schlendert.

Eigentlich müsste zu diesem Zeitpunkt alles gesäumt sein mit halb leeren Cases, bei denen jeder der acht Reisenden genau weiß, welcher davon in seinen Zuständigkeitsbereich fällt. Ein frisch gefasster Neujahrsvorsatz hingegen ist der Drum-Teppich, der – statt wie sonst die Koffer – als erstes aus dem Auto und auf die Bühne kommen soll, aber jetzt schon zu einem Running Gag verkommen ist. Andere Abläufe sind routinierter: Moritz baut die Gitarren auf, Marcus die Mikrofonständer und die Mikros. Im Laufe der Zeit haben sich die Münchener ihr gesamtes Equipment selbst beschafft, vor Ort leihen sie sich im Normalfall nichts mehr aus. Selbst Ton- und Lichtpulte sowie Verkabelung bringen sie mit und werden vom Backliner und den Technikern aufgebaut und verkabelt. Die Musiker selbst sind dabei gar nicht so gern gesehen. Den über die letzten Jahre erarbeiteten Luxus auch mal zum Soundcheck gerufen zu werden, schätzt und genießt Sänger Mario sehr: „Wir gehen zur Hand, wo wir zur Hand gehen können, haben aber auch irgendwann von denen das klare Signal bekommen, sie genießen es auch sehr, wenn wir mal aus dem Weg sind. Ich mag das auch voll gern, dass vorher ein Line-Check passiert, wo wir nicht dabei sind, weil das ultranervig ist.“ Dadurch kann die Band sich auf das Wesentliche konzentrieren: Die Musik. „Ich glaube, dass davon auch unser ganzes Konzert und unsere ganze Performance extrem profitiert.“

„Wir müssen die Leute heute krass bei den Eiern kriegen“

Mittlerweile ist es 17 Uhr und während die Vier beim Soundcheck nach und nach neue Übergänge üben und ganze Songs hintereinander wegspielen, bekommt man einen Eindruck davon, wie das Publikum im nebeligen und spärlich beleuchteten Tube inmitten der Düsseldorfer Altstadt zu einer wabernden Masse zerfließt. „Nach gestern Abend wird das heute richtig, richtig schwer. Wir müssen die Leute heute krass bei den Eiern kriegen.“ Sänger und Gitarrist Mario spricht zwar ins Mikro, aber es könnte eine leise Notiz an sich selbst gewesen sein.

Im blauen Dunst wird diskutiert, welche Songs heute ins Set kommen und welche rausfliegen. „Bei uns gab es so die Konstante Intro/Outro, die wir wirklich die ganze Tour gar nicht geändert haben. Ich bin kein großer Fan davon, wenn wir so eine Show abziehen, sodass es heißt: Das ist der erste, das ist der letzte Song und das dazwischen kennt man irgendwann auswendig. Auch Ansagen kommen spontan und mit der Stimmung. Die sind mal besser und mal schlechter.“ Den Faktor Menschlichkeit wollen die Blackout Problems beibehalten, auch wenn das mit Risiken behaftet ist.

Diese Risiken nehmen sie auch beim Equipment in Kauf: „Momentan spielen wir sehr analog, wir haben sehr viele Bodentreter und Netzteile und damit sind auch sehr, sehr viele Fehlerquellen da. Mir ist in Münster zum Beispiel ein Stage Diver auf meine Stromverteilung geknallt und dann waren zwei Netzteile kaputt.“ Ein kurzer Boxenstop beim Musicstore in Köln ist bei Konzerten in der Gegend daher fast immer nötig – auch dieses Mal. „Das passiert immer wieder.“

Die zwei Gs in der Bandwohnung: Gift und Gesundheit

Das Set steht, der Soundcheck ist vorbei und die Bandmitglieder schwärmen in unterschiedliche Richtungen aus. Die Techniker bleiben im Club, der Rest nutzt die Chance entweder Luft zu schnappen oder sich in der Bandwohnung direkt über dem Tube zurückzuziehen. Da die Location nicht direkt über einen klassischen Backstage-Bereich verfügt, ist die Wohnung für ihren Düsseldorf-Aufenthalt der Dreh- und Angelpunkt für alle: Backstage, Hotel, Aufenthaltsraum und Küche – alles in einem. Zwischen Pizza-Kartons, Equipment und Klamotten herrscht dicht gedrängtes, aber gemütliches Chaos.

Drei Hochbetten ragen dabei in den kleinen Raum. Sie sind das Herzstück der Unterkunft und gleichzeitig auch das Highlight: „Sowas finde ich immer geil, wenn man keinen weiten Weg ins Hotel hat. Weil dann kann jeder ins Bett gehen, wann er will. Damit kann man uns eine große Freude machen.“

Darüber hinaus sind alle ganz verschieden in ihren Wünschen. Mario liebt Smoothies, teilt die Liebe zu veganem Essen mit Lichtmann Patrick und bevorzugt anti-alkoholische Getränke. „Ich trinke keinen Alkohol und meistens ist es so, dass manche Veranstalter der Meinung sind, dass es das Geilste für eine Band ist, wenn sie ankommt und da steht Bier und Schnaps. Das ist zum Beispiel nicht so ganz mein Fall.“ Moritz hingegen hat mit der gerade gelieferten Pizza Margherita im persönlichen Lotto gewonnen und nippt abwechselnd an seinem Tee und an einer Flasche Bier. Sein Geheimnis: „Die zwei Gs: Gift und Gesundheit.“

Unterschiedlicher könnte diese Reisegruppe also gar nicht sein und doch funktioniert die Gruppendynamik scheinbar ganz wie von selbst. Videograph Paul schneidet den Recap des letzten Abends und zeigt den anderen sichtlich geschockt Marios Augenverletzung von der Münsteraner Show nochmal in Nahaufnahme. Unglücklicherweise hatte er dort zu enge Bekanntschaft mit Marcus Bass gemacht, was ihn aber nicht davon abhielt, schnell die Show fortzusetzen. Drummer Michi liegt währenddessen zurückgezogen auf seinem Hochbett. Jeder macht sein Ding und bekommt von den anderen selbstverständlich auch den Raum dazu – und wenn es nur der eine Platz auf dem Sofa ist.

 

Erfolg muss man sich verdienen

Der Respekt und das Verständnis füreinander schwingen in allem mit, was die Band tut. Das hat sie sich über hunderte Konzerte hinweg hart erarbeitet. „Wir wollten live besser werden. Wir wollten auch checken, was ist uns wichtig, was ist uns nicht so wichtig. Wo liegen unsere Schwächen, wo liegen unsere Stärken. Wir mussten uns kennenlernen, uns formen.“ Dieser Band ist nichts in den Schoß gefallen. Diese Band ackert für jeden Erfolg: „Wir sind so eine Band, die geht Step by Step. Wir gehen immer sehr, sehr viele kleine Schritte. Wir haben nix ausgelassen. Wir haben wirklich im dreckigsten Loch angefangen und wir haben auch schon mal im Hilton gepennt.“ Das dreckigste Loch bedeutet eben auch, dass die Münchener auch in Betten schliefen, in denen es vor kleinen Tieren, Haaren und Erde nur so wimmelte. Umso mehr schätzen sie heute ein sauberes Bett.

Im Austausch mit den Vieren wird immer deutlicher, dass die Band sich absolut bewusst ist, dass sie zurecht da steht, wo sie heute ist. Dass sie einen Club in Düsseldorf, fernab ihrer Heimat München, an zwei Tagen hintereinander ausverkaufen können – das haben sie sich verdient und das wissen sie. Statt dabei aber den Boden unter den Füßen zu verlieren, versprüht die Band bei jeder Erzählung Euphorie und Dankbarkeit dafür, dass es sie mittlerweile sogar auf Tour durch Oslo, Stockholm und Paris verschlägt: „Auf der einen Seite weiß man es jetzt natürlich mehr zu schätzen, wenn man in eine saubere Wohnung kommt, und auf der anderen Seite hat man es sich aber auch mehr verdient.“

Es wird ernst: 1,5 Stunden bis zum Auftritt

Nach dem Essen ruft Crispin um 19:30 Uhr alle ein letztes Mal vor der Show zu einer letzten Besprechung zusammen. Marcus übernimmt die Aufgabe, das Set noch einmal zu erklären und auf Übergänge sowie Besonderheiten der neuen Songfolge aufmerksam zu machen, die sie erst nachmittags zusammengestellt hatten. Selbst jetzt wird noch an letzten Details gefeilt.

Als auch der letzte gemeinsame Programmpunkt abgehakt ist, begleiten sie Nico, ihr Crewmitglied und Support an diesem Abend, zu seiner neuen Show. Während seines Auftritts macht sich auf manchen Gesichtern des Hauptacts ein zufriedenes Lächeln breit. Es sieht aus, als seien sie stolz auf den Mann, der bei ihnen sonst im Hintergrund steht.

Der Support Act ist durch und das gewohnte Bild wiederholt sich: Die Band verteilt sich wieder. Langsam wird es ruhiger, jeder geht seinen eigenen Weg. Mario zieht sich so gut es geht zurück: „Ich habe so ein Aufwärmprogramm. Das ist immer dasselbe, das ist auch meine Routine. Das geht so 20 Minuten ungefähr und dann höre ich oft noch Musik bis kurz bevor es losgeht, die mich in eine gute Stimmung bringt. Ich habe so einen Song, der mich immer total in dieses Feeling bringt, in das ich irgendwie am Anfang des Konzerts gern bin. Das ist von Enter Shikari „System… / …Meltdown“. Das ist so ein Song, der baut sich so schön auf. Den höre ich sehr gern.“

Michael nimmt auf dem Sofa Platz, das Practice Pad vor sich und nimmt scheinbar nur noch wenig um sich herum wahr. Marcus und Mo sind gesprächiger, singen sich dabei warm, dehnen und strecken sich und beenden ihr Aufwärmritual mit der obligatorischen „Happy Cola“.

Die halbe Stunde vor dem Auftritt verbringt jeder für sich, umso wichtiger ist es der Band, kurz vorher wieder zusammenzukommen. „Da wird sich vorher immer abgeklatscht und vorher gehen wir im Normalfall nicht auf die Bühne.“ Es geht nur gemeinsam raus: „Das ist bei uns nicht so, dass es dieses Ding gibt, dass zum Beispiel, Michi, unser Drummer, zuerst auf die Bühne geht und anfängt, einen Beat zu spielen und dann kommen die Jungs, die vorne stehen, auf die Bühne, sondern wir gehen immer gemeinsam auf die Bühne.“ Und genauso geht es auch wieder runter. „Wir haben so ein neues Ritual, das wir jetzt seit letztem Jahr machen, dass wir am Schluss des Konzerts alle zusammenkommen und uns verbeugen, um nochmal ganz kurz diesen Moment einzusaugen, dass wir da gerade zusammen gespielt haben. Da kommen wir nochmal ganz kurz zusammen und das, finde ich, ist sehr wichtig und gut, dass wir praktisch das Konzert so aufhören, wie wir es anfangen – also gemeinsam.“

Die Entwicklung der KAOS-Tour

Soweit ist es aber noch nicht. Ein letztes Abklatschen und Paul, der kleinste aus der Crew, bahnt sich gekonnt mit Taschenlampe den Weg vom Eingang des Clubs bis vorne zur Bühne, alle vier Bandmitglieder im Schlepptau, die ihm dankbar folgen. Auf der kleinen Stage greifen sie zu ihren Instrumenten und schon jetzt herrscht drückende, feuchte Hitze im Club. Dann beginnt im schummrigen Licht die vorletzte Show einer Tour, die so viele persönliche Songs im Gepäck hatte wie keine zuvor. Songs, die von kleinen Nuancen leben, die sie aus dem 08/15-Spektrum fallen lassen, was das Spielen, so wie Blackout Problems es sich vorstellten, nicht einfach macht. „Das habe ich deswegen so für mich realisiert, weil ich dachte, dass wir letzten März als wir zum ersten Mal mit den Songs auf Tour gegangen sind – das war in Frankreich – wir können das so. Und ich dachte, wir sind da schon angekommen, wo wir hinwollen, habe aber jetzt gemerkt, dass wir über den November, über diese lange KAOS-Tour, die wir gespielt haben, erst richtig da angekommen sind, wo wir hinwollen. Dass jetzt die Songs auf eine ganz andere Art und Weise flowen, funktionieren und flüssiger sind.“ Mario sieht das Phänomen auch am Publikum: „Ansonsten ist mir auch aufgefallen, dass dieses Gefühl zwischen uns und den Leuten, die das Album inzwischen auch immer besser kennen und mitsingen können, dass das noch viel, viel stärker wird. Das ist sehr rührend. Das ist wirklich krass, weil nur persönliche Geschichten drin sind und jeder verbindet damit ja so seine eigene Geschichte. Wenn es jetzt um ein Thema wie Liebe geht oder Trennung, da denkt natürlich XY-Hörer an seine eigene Geschichte und der bringt das mit und singt das Lied dann mit seinem Schmerz mit, den er mitgebracht hat.“

Er selbst sei immer noch in der Mitte der ganzen Verarbeitung dieser, seiner eigenen, Geschichten, aber das Touren, die Auftritte und das Publikum helfen ihm bei diesem Prozess ungemein.
„Das klingt jetzt alles so super traurig, weil wir einerseits diese traurigen Themen besingen, andererseits ist es auch total schön. Wir sind auf Tour mit unseren besten Freunden und wir haben eine unfassbar geile Zeit, wir haben super viel Spaß miteinander und stehen auf der Bühne vor einem richtig, richtig geilen Publikum.“

Und wie geil dieses Publikum ist, zeigt auch an diesem Abend wieder der Schweiß-Regen von der Decke des Düsseldorfer Tubes.

 

Das vollständige Interview mit den Blackout Problems, aus dem zitiert wird, findet ihr hier.