30.01.2019,

Blackout Problems – das vollständige Interview

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Interviews

Am 20.01.2019 entstand der Backstage-Bericht mit den Blackout-Problems in Düsseldorf. Grundlage war das folgende Interview, welches ihr hier in aller Ausführlichkeit lesen könnt. Definitiv zu Schade, um in der Schublade zu verschwinden.

Zweiter Tag in Düsseldorf. Euer Tourmanager hat schon stolz berichtet, dass noch eine Stunde nach der gestrigen Show der Schweiß von der Decke tropfte. Es war also gut?

Mario: Gestern war so ein Konzert, wo mir klar wurde: So müssen Konzerte sein. Und es ist so ein richtiger kleiner Glücksmoment. Man stellt sich ja immer als kleiner Junge vor, wie will man irgendwann mal Konzerte spielen? Und ich habe immer in meinem Kopf gehabt, wie eine komplett schwitzige Masse, in der sehr viel Bewegung ist, sehr viel Energie herrscht und wo man so das Gefühl hat, dass man eigentlich mehr vom Publikum bekommt als man gibt. Oder dass es ein Geben und Nehmen ist. Und gestern war voll so ein Moment, wo ich mir dachte: Wow, krass. Genau so müssen Konzerte sein. Und dann herrscht da komplettes Chaos und alle fliegen rechts und links und überall und es tropft von der Decke. Das ist genauso, wie ich es mir vorstelle.

Einige von euch waren gestern Abend noch in der Stadt unterwegs. Wie gefällt euch Düsseldorf?

Mario: Mir persönlich gefällt Düsseldorf. Ich denke jedes Mal, wenn ich an Düsseldorf denke, natürlich an die Toten Hosen und bin da großer Fan. Ich bin damit einfach aufgewachsen.

Ich war gestern Nacht nicht beim Weggehen dabei, weil ich einerseits eine Verletzung am Auge habe, die ich mir in Münster zugezogen habe, weil ich blöderweise in den Bass von Marcus gerannt bin. Der hat mich ausgeknockt, sodass ich erstmal flach auf der Bühne lag und da war ich gestern natürlich gehandicapt. Aber auch so wäre ich nicht weggegangen, weil ich immer, wenn wir am nächsten Tag noch ein Konzert haben, die Stimme schonen muss. Ich ziehe es dann vor, mich einfach hier im Bett zu verkriechen. Was ich hier ganz geil finde, weil wir müssen hier nur die Treppen hochgehen. Wir können hier einfach umfallen und sind im Bett.

Wir haben hier auch mit Massendefekt schon des Öfteren gespielt. Anfang des Jahres waren wir in der Mitsubishi-Electric-Halle und das ist auch krass gewesen. Ich habe hier immer das Gefühl, dass da sowas Besonderes in der Luft liegt. Wenn wir generell Düsseldorf, Köln in der Gegend spielen, da kommt uns immer eine Energie entgegen geflogen vom Publikum. Da können sich andere Gegenden wirklich nochmal eine Scheibe von abschneiden. Das ist echt abgefahren.

Habt ihr bei so einem straffen Tourplan, den ihr zum Beispiel im November bei der KAOS-Tour hattet, auch mal die Möglichkeit, die Städte, in denen ihr ward, genauer anzuschauen?

Mario: Ehrlich gesagt relativ wenig. Wir haben einfach einen ziemlich vollen Zeitplan. Wenn wir morgens aufstehen, in die nächste Stadt fahren, dann sitzen wir erst mal ein paar Stunden auf der Autobahn. Dann wird aufgebaut, Sound gecheckt, gegessen, gespielt, abgebaut. Da ist eigentlich nicht so viel Zeit da, um sich die Städte anzugucken. Da kommt sowas wie eine Doppel-Show schon gelegen, dass man mal auch so ein bisschen rauskommt.

Ich habe vorhin auch mal so eine Runde durch die Stadt gedreht, wo ich mir gedacht habe: Cool, mal was anderes zu sehen. Aber wo wir das auf jeden Fall ausnutzen ist, wenn wir im Ausland spielen. Jetzt waren wir beispielsweise im Oktober in England und dort haben wir immer geguckt, dass wir so schnell, wie es geht, den Aufbau und Soundcheck-Job erledigen, damit wir noch was von den Städten sehen. So waren wir zum Beispiel in Nottingham oder in Manchester zusammen spazieren und haben uns das irgendwie angeguckt. Weil das ist was, was man noch nicht kennt. Düsseldorf, Berlin oder Hamburg, da ist man ja immer mal wieder. Ist ja auch logo, wenn man in Deutschland lebt, dann kommt man in diese Städte auch öfter. Aber wenn wir jetzt auch die Möglichkeit haben, über die Grenzen hinaus zu fahren, dann gucken wir, dass wir da so viel, wie es geht, mitnehmen. Da haben wir dieses Jahr auch wieder mehr geplant und spielen auch im Ausland. Ich bin super gespannt auf Stockholm, Oslo, Paris – das mal zu sehen.

Heute fällt der Aufbau weg, aber wie läuft an anderen Tagen ein typischer Aufbau bei euch ab?

Mario: Als allererstes kommt der Drum-Teppich aus dem Auto raus. Der wird auf die Bühne gelegt.[Der ganze Raum lacht]

Moritz: Das ist zumindest der Neujahrsvorsatz!

Mario: Ja, in der Theorie, ist das so. In der Praxis fliegen als erstes unsere Koffer aus dem Auto. Dann kommt alles so Stück für Stück in den Club rein und dann steht der komplette Club erstmal voller Cases. Jeder von uns aus der Band hat so seinen eigenen, kleinen Job, mit dem er vertraut ist. Mo baut immer die Gitarren auf, Marcus macht immer die Mikro-Stative und die Mikros dran. Dann haben wir einen Backliner, der sich um den ganzen Rest kümmert und der sich auch darum kümmert, dass der ganze Rest mikrofoniert und verkabelt wird. Wir haben mittlerweile alles selber dabei. Wir leihen uns von den Clubs im Normalfall gar nichts aus – inklusive der Verkabelung kommt da wirklich alles von uns. Wir haben auch ein Lichtpult dabei und ein Tonpult, eigenes In-Ear-Set-Up – das hat sich alles so über die Jahre hinweg zusammengeläppert. Da hat jeder so seinen Job, aber die größte Mühe machen sich da unser Backliner, unser Tontechniker und unser Lichttechniker. Die sind so am meisten dafür verantwortlich, dass es am Schluss auch richtig schön aussieht und dass auch wirklich alles am Start ist. Wir gehen zur Hand, wo wir zur Hand gehen können, haben aber auch irgendwann von denen so das klare Signal bekommen, sie genießen es auch sehr, wenn wir mal aus dem Weg sind, weil dann können die in Ruhe das so machen, wie sie sich das vorstellen. Und wir genießen den riesigen Luxus, den wir uns über die letzten sechs, sieben Jahre erarbeitet haben, dass wir dann einfach mal zum Soundcheck gerufen werden und dann kommen und es steht und funktioniert alles. Ich finde das jeden Tag immer noch völlig wahnwitzig, dass das so ist und genieße das aber auch total. Und mag das auch voll gern, dass vorher ein Line-Check passiert, wo wir nicht dabei sind, weil das ultra nervig ist. Dann, wenn alles funktioniert, kommen wir und spielen ein paar Songs und üben einfach ein bisschen den ein oder anderen Übergang. Heute haben wir zum Beispiel unser Set komplett umgebaut, haben ein paar andere Nummern drin, haben andere Übergänge drin und dann gehen wir die durch und konzentrieren uns aufs Wesentliche: Aufs Musik machen.

Und ich glaube, dass davon auch unser ganzes Konzert und unsere ganze Performance extrem profitiert, dass wir uns mehr aufs Wesentliche konzentrieren können.

Also wechselt ihr während der Tour auch gern das Set?

Mario: Bei uns gab es so die Konstante Intro/Outro, die wir wirklich die ganze Tour gar nicht geändert haben, aber sonst haben wir immer wieder versucht, jeden Tag etwas zu ändern. Ich bin kein großer Fan davon, wenn wir so eine Show abziehen, sodass es heißt: Das ist der erste, das ist der letzte Song und das dazwischen kennt man irgendwann auswendig. Auch Ansagen kommen spontan und mit der Stimmung. Die sind mal besser und mal schlechter.

Vorgestern zum Beispiel in Münster sind wir von der Bühne runtergegangen und wir hatten ein unfassbar tolles Publikum. Wir hatten auch eine coole Show und es war alles toll, aber ich war super unzufrieden, mit dem, was ich gesagt habe oder ich habe irgendwie nicht das Gefühl gehabt als wären wir da auf eine Metaebene gegangen während der wenigen Ansagen, die wir machen. Das ist dann gestern in Düsseldorf in meinen Augen gelungen, weil da passiert dann was anderes. Auch diese Sachen sind nicht geplant. Mal funktionieren sie gut, mal nicht. Das gibt uns natürlich immer das Risiko, dass mal eine Show besser und mal eine schlechter ist, aber andererseits haben wir auch den Faktor Menschlichkeit dabei, der den Leuten auch zeigt, dass wir sehr authentisch sind. Das ist das, was wir immer wieder hören, was die Leute an uns schätzen.

Kurz zurück zum Equipment: Ihr seid komplett selbst ausgestattet. Was ist euch bei der Wahl des Equipments besonders wichtig?

Mario: Unser Equipment muss wirklich standhaft sein. Also es muss was aushalten. Gestern zum Beispiel haben wir in diesen 150er-Club 200 Leute reingequetscht und dann wird’s feucht und es regnet von der Decke und die Leute fallen auch mal in unser Zeug rein. Das passiert schon mal, dass jemand auf die Bühne gesegelt kommt, es gibt Stage Diver oder es gibt Leute, die einfach auf die Bühne kommen und was machen. Das passiert immer wieder. Das Wichtigste ist uns dabei, dass wir am nächsten Tag nicht vor einem kompletten Scheiterhaufen stehen, sondern dass das Zeug immer noch funktioniert. Es ist schon oft passiert, dass wir – gerade wenn wir hier in der Gegend sind – die Runde drehen mussten – und das haben wir auch dieses Mal wieder gemacht – und zum Musicstore in Köln fahren mussten, um Sachen zu kaufen, die kaputt gegangen sind. Michis Beater von der Bass Drum ist gebrochen, der Amp von Mo ist kaputt gegangen, da musste ein Ersatz gesucht werden. Das sind so Dinge, die hat man oft nicht in der Hand.

Momentan spielen wir sehr analog, wir haben sehr viele Bodentreter und Netzteile und alles und damit sind auch sehr, sehr viele Fehlerquellen da. Mir ist in Münster zum Beispiel ein Stage Diver auf meine Stromverteilung geknallt und dann waren zwei Netzteile kaputt. Dann ist die Show natürlich erstmal stark beeinträchtigt, aber andererseits macht es das auch interessant. Wir mögen das auch, glaube ich, alle an irgendwelchen Knöpfen drehen zu können. Deswegen haben wir jetzt noch keine Camper. Wir sehen und wissen zwar alle, was das für Vorteile hat, aber erstens ist es finanziell krass und zweitens vom Style her – ich finde es cool, dass es bei uns noch so ist, wie es ist.

Ich glaube, den größten Wert legen wir schon darauf, dass es gut klingt und dass es robust ist. Komischerweise. [Michi kommt rein und fragt, wer welche Pizza haben möchte. Margherita gewinnt bei den meisten.]

Perfekte Überleitung: Mit welchem Essen oder welchen Getränken können Veranstalter oder Locations euch so richtig glücklich machen? Oder am liebsten doch einfach mit Betten über der Location?

Mario: Ja, das hier ist toll. Wie zum Beispiel in Dresden, in der Groove-Station, da kann man einfach umfallen in so einer Bandwohnung. Sowas finde ich immer geil, wenn man keinen weiten Weg ins Hotel hat. Weil dann kann jeder ins Bett gehen, wann er will. Damit kann man uns eine große Freude machen!

Meistens wenn wir unterwegs sind, dann sind wir acht Leute und bei uns gibt es keine große Rollenverteilung. Jeder von uns hat so seine eigenen Prioritäten und somit kann auch jedem andere Freuden machen.

Bei mir persönlich ist es so, ich liebe es, wenn es Smoothies gibt, sowas mag ich gerne. Ich mag’s gerne, wenn es viel Anti-Alk gibt. Ich trinke kein Alkohol und meistens ist es so, dass manche Veranstalter der Meinung sind, dass es das Geilste für eine Band ist, wenn sie ankommt und da steht Bier und Schnaps. Das ist zum Beispiel nicht so ganz mein Fall. Ansonsten kann ich nur so für alle sprechen: Eine gute Kaffeemaschine ist immer schön. Auch wenn ich vor Konzerten kein Kaffee trinke, weil ich das Gefühl habe, dass ich damit meine Stimme so ein bisschen angreife.

Paul [Videograph], der gerade im Hintergrund lacht, dem kann man vermutlich eine Freude mit gutem Internet und funktionierendem Wlan machen. [Paul nickt eifrig]

Dann ist es so: Jeder von uns isst gern unterschiedlich. Also ich liebe veganes Essen. Patrick, unser Lichtmann, auch und Mo würde wahrscheinlich am liebsten Pommes mit Schnitzel essen oder Pizza Margherita.

Hier in Düsseldorf ist es zum Beispiel so, hier gibt es so viele, kleine Restaurants und da kriegen wir einfach einen Buy Out in die Hand gedrückt und dann kann jeder holen, was er will. Das ist auch cool. Dann isst der eine einen Burger und der andere asiatisch und der Nächste isst Pizza.

Hattet ihr auch schon mal den Fall, dass ihr in ein Backstage gekommen seid und am liebsten gleich wieder geflüchtet wärt?

Mario: Ja, sicher. Man muss dazu sagen, wir haben seit 2012 mehrere hundert Konzerte gespielt und wir haben wirklich überall gespielt, wo wir auch nur irgendwie spielen konnten. Das war auch immer so unsere Prämisse: Wir wollten live besser werden. Wir wollten auch checken, was ist uns wichtig, was ist uns nicht so wichtig. Wo liegen unsere Schwächen, wo liegen unsere Stärken. Wir  mussten uns kennen lernen, uns formen. Und das kommt natürlich über die Masse. Wir können nicht sagen, wir spiele nur 10 Konzerte im Jahr und wollen danach eine gute Live Band sein. Wir wollten halt am liebsten 100 Konzerte spielen und es dann auschecken.

Das bedingt natürlich auch, dass man an Orte kommt, wo man sich denkt: Irghs, und hier soll ich jetzt schlafen!? Aber es ist dann so. Wir haben es dann auch immer durchgezogen. Es gab wirklich einmal den Fall – und ich nenne keine Namen – wo dann auch einer gesagt hat: Hey, lasst uns ein Hotel buchen. Jetzt lass uns hier rausgehen. Und wir haben es dennoch durchgezogen.
Es gibt sehr, sehr viele appetitlichere Dinge als kleine Tiere, Haare und Erde im Bett, wenn man in eine Bandwohnung kommt. Das ist alles schon passiert. Das hat uns aber auch geformt. Auf der einen Seite weiß man es jetzt natürlich mehr zu schätzen, wenn man in eine saubere Wohnung kommt, und auf der anderen Seite hat man es sich aber auch mehr verdient. Weil bei uns ist nichts vom Himmel gefallen. Wir sind so eine Band, die geht Step by Step. Wir gehen immer sehr, sehr viele kleine Schritte. Wir haben nix ausgelassen. Wir haben wirklich im dreckigsten Loch angefangen und wir haben auch schon mal im Hilton gepennt. Wenn es uns dann passiert und wir haben große Einzelbetten, dann sind wir auch dementsprechend dankbar.

Gibt es auch positive Erlebnisse, die nachhaltig in Erinnerung geblieben sind?

Mario: Ja, sehr viele sogar. Was ich zum Beispiel super fand, war in Münster, das Skater Palace. Da haben wir mal gespielt und da ist oben ein schöner, großer Backstage – das ist ja so eine Skate-Halle – da gibt es auch eine große Dachterrasse, wo man sitzen kann. Das finde ich auch wunderschön.

Moritz: Da ist wirklich ein mega geiler Backstage-Raum. Was ich total gern mag ist auch, wenn genug Platz da ist, um auch Freunde noch da oben zu haben. Beispielsweise nach der Show – wenn der Backstage groß genug ist – noch Freunde aus der Stadt da zu haben und mit Kumpels abhängen zu können. Und das war im Skater Palace so.

Mario: Ja, da war viel los.

Moritz: Man trinkt noch ein Bier zusammen, unterhält sich noch und kann noch ein paar schöne Stunden gemeinsam verbringen. Das war sehr schön. So Sachen sind in kleinen Backstages halt schwierig.

Mario: Das ist halt cool, wenn man Platz hat. Weil wir hängen ziemlich viel im Auto zusammen ab und da sitzen wir so Arsch an Arsch im Sprinter und wenn man dann in einen Backstage kommt, wo man wieder so eingepfercht ist, wie im Auto, dann ist das immer so ein bisschen – obwohl wir sehr, sehr gute Freunde sind und sehr gut miteinander klar kommen – geht man sich dann irgendwann mal auf den Keks. Wenn man dann ein bisschen Platz hat, um sich aus dem Weg zu gehen – ich verziehe mich gerne so ein bisschen vor Konzerten, um mich warm zu machen und ein bisschen in mich zu gehen. Das mag ich gern. Der andere genießt es vorher aufzudrehen, Gas zu geben, was zu trinken, anzustoßen, Leute da zu haben und so. Da sind wir alle unterschiedlich. Und da kann man den größten Gefallen tun mit Platz.

Habt ihr auch gemeinsame Rituale?

Mario: Unser gemeinsames ist, dass wir gemeinsam auf die Bühne gehen. Das ist bei uns nicht so, dass es dieses Ding gibt, dass zum Beispiel, Michi, unser Drummer, zuerst auf die Bühne geht und anfängt, einen Beat zu spielen und dann kommen die Jungs, die vorne stehen, auf die Bühne, sondern wir gehen immer gemeinsam auf die Bühne. Da wird sich vorher immer abgeklatscht und vorher gehen wir im Normalfall nicht auf die Bühne, aber die halbe Stunde davor, die verbringt jeder anders. Michi macht sich immer warm. Der hat immer ein Practice Pad dabei. Marcus und Mo singen sich auch ein und stoßen dann immer sehr gerne an und trinken was zusammen. Ich singe mich auch relativ lang warm. Ich habe so ein Aufwärmprogramm. Das ist immer dasselbe, das ist auch meine Routine. Das geht so 20 Minuten ungefähr und dann höre ich oft noch Musik bis kurz bevor es losgeht, die mich in eine gute Stimmung bringt. Ich habe so einen Song, der mich immer total in dieses Feeling bringt, in das ich irgendwie am Anfang des Konzerts gern bin. Das ist von Enter Shikari „System Meltdown“. Das ist so ein Song, der baut sich so schön auf. Den höre ich sehr gern.

Und Rituale danach?

Mario: Wir haben so ein neues Ritual, das wir jetzt seit letztem Jahr machen, dass am Schluss des Konzerts alle zusammenkommen und uns verbeugen. Um nochmal ganz kurz diesen Moment einzusaugen, dass wir da gerade zusammen gespielt haben. Früher sind wir dann immer in verschiedene Richtungen gegangen. Der eine baut dann das ab, der andere baut dann das ab oder geht dahin. Und da kommen wir nochmal ganz kurz zusammen und das finde ich, ist sehr wichtig und gut, dass wir praktisch das Konzert so aufhören, wie wir es anfangen – also gemeinsam. Ansonsten ist es danach wirklich so, dass jeder wieder so seinem Ding nachgeht. Am Merch ist man dann noch oftmals. Der eine geht gern dann noch weg und der andere nicht.

Meistens sind wir vier Band-Dudes sehr auf die Shows bedacht. Deswegen gehen wir nicht so viel feiern. Einfach weil wir eineinhalb bis zwei Stunden jeden Abend spielen und es ist sehr intensiv und danach sind wir oft einfach fertig. Da geht nicht mehr so viel.

Du hast in einem Interview gesagt, dass ihr euch ein Stück weit nackt gemacht habt mit den Songs auf KAOS und ihr sogar drüber nachgedacht habt, was rauszuschwärzen. Verändert sich dieses Gefühl oder das Verhältnis zu diesen Songs im Laufe einer Tour?

Das Verhältnis hat sich tatsächlich intensiviert. Die Songs sind eigentlich recht schwierig. Da sind sehr viele kleine Nuancen drin, die die Songs jetzt nicht sehr 0815 machen, obwohl sie im Hören eigentlich recht locker runter gehen. Sie sind, finde ich, einfacher zu hören als die Songs von „Holy“, unserem Vorgänger-Album. Aber sie sind gleichzeitig auch super schwierig rüber zu bringen und zu spielen. Das habe ich deswegen so für mich realisiert, weil ich dachte, dass wir letzten März als wir zum ersten Mal mit den Songs auf Tour gegangen sind – das war in Frankreich – wir können das so. Und ich dachte, wir sind da schon angekommen, wo wir hin wollen, habe aber jetzt gemerkt, dass wir über den November, über diese lange KAOS-Tour, die wir gespielt haben, erst richtig da angekommen sind, wo wir hinwollen. Dass jetzt die Songs auf eine ganz andere Art und Weise flowen, funktionieren und flüssiger sind. Das haben uns auch Zuschauer jetzt gesagt, die immer wieder kommen. Gerade in Münster hat mir einer gesagt, der immer ein sehr waches Auge hat und auch Kritik äußert, hat gemeint, wir sind jetzt irgendwie mehr drin. Das fühle ich eigentlich auch. Ansonsten ist mir auch aufgefallen, dass dieses Gefühl zwischen uns und den Leuten, die das Album inzwischen auch immer besser kennen und mitsingen können, dass das noch viel, viel stärker wird. Das ist sehr rührend. Das ist wirklich krass, weil nur persönliche Geschichten drin sind und jeder verbindet damit ja so seine eigene Geschichte. Wenn es jetzt um ein Thema wie Liebe geht oder Trennung, da denkt natürlich XY-Hörer an seine eigene Geschichte und der bringt das mit und singt das Lied dann mit seinem Schmerz mit, den er mitgebracht hat. Das finde ich sehr rührend manchmal anzusehen, dass die Leute das mit derselben Emotion und demselben Impact singen können, wie wir das tun, nur dass sie damit ihr eigenes Laster besingen.

Das heißt das Verarbeiten der Emotionen geht auf Tour weiter?

Mario: Ja, ich habe schon das Gefühl, dass es für mich ein bisschen so eine Hilfestellung ist, um Dinge auf den Punkt zu bringen, über die ich vielleicht im normalen Leben nicht so reden kann. Und dann aber gleichzeitig sie auch dadurch so in Stein zu meißeln. Wenn man sie dann mal so schwarz auf weiß vor sich hat, vielleicht in Form eines Songs, dann kann man sie auch versuchen, besser abzuhaken. Auch wenn es super schwierig ist, wenn man diese Wunden und diese Emotionen immer wieder aufreißt, aber irgendwann hat man es dann so, wo man dann so sagt: Ja, gut, jetzt habe ich es aber auch hinter mich gebracht. Ich glaube, das ist immer noch so ein Prozess. Ich fühle mich da immer noch in der Mitte von dem Ganzen, aber habe auch das Gefühl, dass ich Fortschritte gemacht habe, dadurch, dass wir das machen, was wir machen.

Wie fühlt sich das dann nach einer Tour an, wenn man wieder in den Alltag zurückkehrt?

Mario: Diese typische After-Tour-Depression, was man so von den großen Rockern kennt, hat für mich keine große Bedeutung, weil wenn wir nach Hause kommen, stehen da meist die nächsten Projekte an. Jetzt war es zum Beispiel so, dass wir nach der Tour sofort in unsere Jobs verschwunden sind und wir haben ein paar Tage danach sogar direkt Songwriting Sessions gemacht und haben uns direkt neuen Stories und neuen Gefühlen auseinandergesetzt.

Es sind so zwei Dinge. Das eine ist so, dass die Dinge, über die wir singen und in den Songs besingen, die sind real, d.h. es gibt kein vor oder nach der Tour. Das sind immer die Dinge, die in unseren Köpfen rumschwirren. Dadurch, dass ich die Texte schreibe, sind es natürlich sehr viele Geschichten, die ich so wahrnehme, wie ich sie wahrnehme, und damit befasse ich mich vor der Tour, während der Tour, wenn ich ins Bett gehe, wenn ich morgens aufstehe und natürlich, wenn wir nach der Tour nach Hause kommen ganz genauso. Weil dann war ich genau in diesem Bett, in dem ein Song wie „Holly“ spielt. Da gibt es kein aus- und anschalten. Manchmal leider, aber es ist so. Gleichzeitig haben wir von der letzten Tour so viel Positives mitgenommen, weil das so geil war. Es hat so viel Spaß gemacht.

Das klingt jetzt alles so super traurig, weil wir einerseits diese traurigen Themen besingen, andererseits ist es auch total schön. Wir sind auf Tour mit unseren besten Freunden und wir haben eine unfassbar geile Zeit, wir haben super viel Spaß miteinander und stehen auf der Bühne vor einem richtig, richtig geilen Publikum. Also die Leute, die zu unserem Konzert kommen, das sind total nette Menschen, die total offen sind. Wir hatten zum Beispiel als Support einen Techno-DJ dabei und die Leute sind geblieben und haben es sich angehört. Also ich schätze unser Publikum sehr und ich schätze es als ein sehr offenes Publikum ein. Die sind uns gegenüber auch einfach super. Da gibt es einfach mehr Positives, was man aus einer Tour rauszieht als Negatives.