21.06.2019,

Backstage bei Minipax – Die ruhigen Momente von Alerta, Alerta

Autor: Miriam (Zwei Drittel Krach) Kategorien: Backstage-Berichte

Das Em Drügge Pitter (EDP) in Köln Ehrenfeld ist heute beim c/o Ehrenfeld alles, was eine kleine Kneipe so sein kann: Festival-Standort, Bar, Bühne und Backstage in einem. Während die Sonne schon gegen Mittag viele Besucher*innen vor die Tür gelockt hat, die Straßen und Geschäfte schon gut gefüllt sind, liegt das EDP um 13 Uhr noch im Dämmerschlaf.

Die kleine Location wirkt wie ein großes Wohnzimmer mit Bar und Eckbühne, heute vollgestellt mit Cases, Kabeln und einem einsamen Koffer im Leoparden-Look, dem Merchandise-Koffer. Der Kicker schräg gegenüber der Bühne wird kurzerhand zum überdimensionalen Beistelltisch umfunktioniert, auf dem sich Rucksäcke und Gitarren stapeln. Nur an die heilige Game-Of-Thrones-Pinball-Maschine traut sich ehrfurchtgebietend niemand mit Equipment heran. Allein der ein oder andere verstohlene Blick huscht gelegentlich zu dieser Rarität.

„…da gab es einen Massage-Bereich backstage!“

Inmitten des Technik-Chaos stehen Minipax völlig übermüdet vom gestrigen Tag. „Na das wird heute eine spannende Backstagestory“, warnt Sänger Niki mich bei unserer Ankunft vor. Ihr gestriger Auftritt wurde spontan um einige Stunden nach hinten verlegt. „Es war trotzdem klasse. Die Leute haben bis zum Ende mit uns gefeiert!“ Während die Leute aus dem Publikum vermutlich danach ausschlafen konnten, haben Minipax bereits fünf Stunden Autofahrt und weit weniger Schlaf hinter sich. Im Halbdunkeln der Kneipe fällt es den Bandmitgliedern schwer, die Augen aufzuhalten. Am fittesten zeigt sich Aushilfsbassist Dominik, der heute Bergmensch ersetzt, weil der leider arbeiten muss.

Minipax sind an diesem Tag als – wie sie selbst sagen – „bayrischer Export“ vor Ort, denn das EDP ist heute während des c/o Ehrenfelds ausschließlich Gastgeber bayrischer Bands. Das Banner neben der Bühne verrät die heutige Kooperation mit dem Verband für Popkultur in Bayern e. V., die u.a. vertreten werden durch Lookie, Drummer der Band The Prosecution. Die deutsche Punklandschaft ist eben kleiner als man denkt. So gerät man ins gemeinsame Schwelgen und stellt fest, dass man beide Bands backstage sehr schnell zufriedenstellen kann. „Wir sind eigentlich froh, wenn wir Getränke da haben – so wie heute eine Saftschorle – und eine Kleinigkeit zu essen“, überlegt Niki, Sänger von Minipax, laut.
Ein Backstage-Bereich ist allen besonders in Erinnerung geblieben: „Das war beim Open Flair. Da gab es einen Massage-Bereich backstage, den wir auch nutzen konnten.“ Niki ist heute noch verblüfft von dem Luxus, der ihnen dort zur Verfügung stand. „Später wollten wir uns eigentlich nur erkundigen, wo es zum Campingplatz geht, weil wir dort Freunde besuchen wollten, und man hat uns direkt einen Shuttle bestellt, der uns dann über das Gelände gefahren hat. Völlig verrückt!“ Drummer Petzi nickt verträumt, „Das war schon irre!“.

Kompromissloser Linksaktivismus

Während wir uns weiter in kleiner Runde unterhalten, sind die Gitarristen Jürgen und Mole schon dabei, ihre Instrumente auszupacken und vorzubereiten. Die Stimmung im Raum ist leise und familiär, fast schon gemütlich inmitten des ganzen Equipments. Bei der Bandbeschreibung „kompromissloser Linksaktivismus mit Verstand trifft auf zugänglichen Punk mit Herz“ und Textzeilen wie „Ich kann die Fressen hier nicht mehr ertragen / Es brennen Autos und jetzt wird diese Fahne verbrannt / […] Jede kleine Deutschtümelei, Patriotismus / und scheiß Fahnenschwenkerei / […] Alerta Alerta und das ein Leben lang!“ (Minipax, Beschissenheit der Dinge) drängt sich eher das Bild vom lauten Draufgängertum auf. Doch Minipax sind alles andere als das. Ihnen liegt vor allem viel am Diskurs: Es ist schon vorgekommen, dass sie aufgrund ihrer sehr klaren antifaschistischen Haltung angegangen wurden. „Derjenige ist dann ausgerechnet auf Bergmensch getroffen, der gewisse Äußerungen nicht stehen lässt und mit ihm diskutiert hat“, berichtet Niki mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Der Soundcheck beginnt, konzentriert, aber die Band ist immer für Zerstreuung zu haben: „Jetzt wird sich zeigen, wer den längsten … Hall hat!“, lacht Niki ins Mikro, während der Techniker Hall und Lautstärke von ihm und Jürgen anpasst. Um 14:45 Uhr ist der Soundcheck bereits um und die Band verteilt sich. Petzi holt sich ein wenig Stärkung vom Imbiss nebenan, Jürgen und Mole ziehen sich zurück und Aushilfsbassist Dominik versucht der aufkeimenden Nervosität mit Bier und Bass entgegenzuwirken. Mittlerweile wurden die Rollos des EDP heruntergelassen und die Sonne ausgesperrt, die Dunkelheit birgt sofort das vertraute Konzert-Feeling. „Habt ihr Merch?“, kommt es von hinter der Bar. Nach kurzer Sichtung der Lage stellen Band und Veranstalter schnell fest, dass heute ohne Umräumen keinen Platz für einen Merch-Stand bleibt. „Wer etwas will, soll einfach Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten rollt Mole den Leoparden-Trolli zwar aus dem Weg, aber nicht außer Reichweite.

Eine Handvoll Zuschauer*innen wäre auch okay

„Was glaubt ihr, wie viele kommen heute?“, fragt Niki in die Runde. Es wird herumgedruckst. „Naja, ein paar werden es schon sein“, sagt jemand. „Ich tippe auf fünf“, lacht Niki und es scheint für ihn vollkommen okay zu sein, auch nur für fünf Zuschauer*innen hunderte Kilometer zu fahren. Ein anderer tippt auf sieben und so nehmen es alle mit Humor, dass sie vielleicht nur vor einer Handvoll Menschen spielen – aber da haben sie die Rechnung eben ohne die Kölner gemacht.

Kurz vor Beginn sind bereits einige Menschen in der Kneipe, voll ist es dennoch nicht. Aus einer spontanen Idee heraus schnappt sich Niki die Gitarre und improvisiert vor der Location ein kleines Ständchen. Die ersten bleiben stehen und folgen seiner Einladung zum kostenlosen Konzert in wenigen Minuten. Die Band freut sich sichtlich, dass es sich die fünf Prognostizierten doch noch vermehrt haben. Aushilfsbassist Dominik hingegen ist die Anspannung sichtlich anzusehen.

Auf Köln ist Verlass

Ohne großes Ritual nehmen Minipax Punkt 16 Uhr ihre Plätze ein. Wenige Songs später braucht es dann plötzlich sogar eine Ansage von Niki, das Publikum solle aufrücken, weil die Leute mittlerweile bis auf die Straße stehen, um der kleinen Antifa-Pop-Band aus Bayern zuzuhören. „Wir sind zu weichgespült, um zu den Punks zu gehören“, erklärt Niki dem bunt gemischten Publikum, dessen erste Reihen sowohl aus Senioren als auch aus langjährigen Fans bestehen. Dabei ist der Live-Sound der Band alles andere als weichgespült, sondern knüppelt auch durch die kleinen Boxen der Kneipe ordentlich durch Mark und Bein. Minipax passen einfach in keine Schublade. Zum Glück müssen sie das auch nicht.

Für Rituale keine Zeit – auf nach Hause!

Nach dem Konzert scheint die Stammbesetzung super happy mit der vollen Kneipe und Dominik zutiefst erleichtert, dass er den Auftritt gut überstanden hat. Zeit, um den Auftritt Revue passieren zu lassen. Die nächste Band wartet bereits und schleppt das erste Equipment in die noch volle Kneipe. Jeder schnappt sich das, was er tragen kann – Hauptsache alles erstmal raus aus dem EDP. Für die Band ist das nichts Ungewöhnliches: „Nach den Auftritten muss es meist schnell gehen. Da bleibt keine Zeit für Rituale. Erst im Auto bespricht man dann, was lief gut und was nicht.“ Niki zuckt mit den Schultern.

Die beiden langjährigen Fans erklären sich bereit, auf das sich häufende Gepäck auf der Straße aufzupassen, während Minipax alles auf den belebten Bürgersteig räumen. Erst als auch der letzte Rucksack draußen ist, ist Zeit für eine kleine Verschnaufpause und der erste Moment, die letzten Minuten sacken zu lassen. „Die Leute standen bis auf die Straße!“, verkündet Lookie und beglückwünscht die Band, der man Freude und Erleichterung gleichermaßen ansehen kann.

Um uns herum wird die Straße immer voller, die Menschen quetschen sich an Wartenden und Equipment vorbei, die Sonne strahlt unentwegt. In einer letzten Etappe verteilen Minipax ihr Gepäck auf zwei Kombis auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mit schweren Verstärkern, Cases und Rucksäcken bepackt bahnen sie sich irgendwie ihre Wege durch Menschen und Stau. Statt sich am Samstagnachmittag auszuruhen, geht es für alle wieder zurück in die Heimat. Das bedeutet für Petzi mit der längsten Fahrt rund sieben Stunden Autobahn. Das ist es aber jedem von ihnen wert, bestätigt Niki: „Wir fahren lieber nachts zurück, nehmen diese Nacht nochmal weniger Schlaf in Kauf und haben dafür aber den ganzen Sonntag mit unseren Familien.“ Auf ihn warten zuhause nämlich seine Frau und zwei Töchter, die sich sicherlich schon riesig auf Ehemann und Papa freuen.

Gute Fahrt!